Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1866)
- Date
- 1866-02-01
- Page
- Seite 332 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2417805-2417813-2417818--853-2418697- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
332 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. stattfindenden Kindertheater-Vorstellung, und so ging es in einein fort. An Aurelien glaubte ich zu bemerken, daß dies alles auf sie einen Eindruck hervorbringe, als ob sie in einen Bienenschwarm hineingerathen wäre. Ihre Augen schienen etwas zu suchen, sie trafen mich und fachten in meinem Herzen eine Glut an, wie ich sie früher nie empfunden hatte. Da fuhr mir plötzlich der Uebermuthsteufel durch den Kopf, ich hatte eine tolle Laune, und augenblicklich erhob ich mich, dieselbe auszuführen. Entschlossen trat ich auf die Gruppe zu und sagte: -Mein Fräulein, Sic sind unwohl! Sie werden gut thuu, den Salon zu verlassen und sich in eins der Seitenzimmer zu verfügen.» Ich sagte dies mit solchem Ernst, daß alle ringsumher sprachlos dastanden. Aurelie erröthete lieblich und war im Erröthen noch schöner als zuvor. Die Frau des Hauses und der Vater Aureliens begleiteten das Mädchen in ein Seiteugemach, in welches sie so willig ging, als ob sie sich wirklich unwohl gefühlt hätte. Der Vater kam rasch zurück und fragte mich besorgt, was seiner Tochter fehle, und woran ich ihr Unwohlsein erkannt habe. «Die Diagnose», antwortete ich laut, daß man es im ganzen Salon vernehmen konnte, «ist das Geheimniß des Arztes; aber beruhigen Sie sich, mein Herr!» fügte ich leise und nur ihm allein vernehmbar hinzu, «ich hoffe, Ihr Fräulein Tochter wird mir für das ihr angedichtete Unwohlsein dankbar sein.» Der alte Herr sah mich mit einem durchdringenden Blick an, der sagen zu wollen schien, mit welchem Recht ich mir einen solchen Scherz habe erlauben können. Darauf stürzt er rasch in das Seitengemach, wo sich Aurelie befand, kehrt aber nach wenigen Minuten zurück, ruft mich bei Seite und sagt mir: »Meine Tochter läßt Ihnen sagen, daß Sie ein Schalk sind, und läßt den Herrn Doctor fragen, ob sie noch länger in Haft bleiben oder zur Gesellschaft zurückkehren soll.« «Ich habe Fräulein Aurelien nur einen Ausweg verschafft», erwiderte ich, «alles übrige hängt jetzt selbstverständlich von ihrem eigenen Willen ab. Meine Ordination ist nicht mehr nöthig.» «Sie sind ein merkwürdiger Mensch, Herr Doctor!» sagte der Alte hierauf zu mir, indem er mir kräftig die Hand schüttelte, »und wir werden lins freuen, wenn wir Sie heute nicht zum letzten inal gesehen haben. Wollen Sie uns morgen das Vergnügen machen?» Hierbei nahm er eine schöngestickte Brieftasche heraus, öffnete dieselbe, überreichte mir seine Karte, lind kurz darauf erschien Aurelie an seiner Hand wieder im Salon. Rasch war sie wieder von einer ganzen Schar umringt; natürlich hielt cs jeder für seine Pflicht, sich nach ihrem Befinden zu erkundigen, den unangenehmen Zwischenfall zu bedauern und das Glück zu preisen, daß zufällig ein Arzt anwesend sei, der dem Uebel sogleich im Entstehen Einhalt gebieten und dadurch ein größeres Uebel verhindern konnte. Die Scene hatte etwas unendlich Komisches. Fragte sie einer: «Nun, mein Fräulein, wie fühlen Sie sich jetzt?» so lächelte Aurelie schelmisch: «Darüber müssen Sie den Herrn Doctor fragen!» Wandte sich einer an sie mit der Frage, was ihr denn eigentlich gefehlt habe, so lächelte sie noch schelmischer lind erwiderte: «Das kann Ihnen am besten der Herr Doctor sagen!« Kurz, ich war der Ableiter aller belästigenden Fragen; denn diese Antwort wurde so stereotyp, daß die Gäste einerseits darüber von weitern Fragen abließen, andererseits aber sämmtlich in dem Urtheil übereinstimmtcn, Aurelie müsse ein rechtes Gänschen sein, eine Art Landpomeranze, die nicht einmal über ihr eigenes Befinden Bescheid zu geben wisse und hierzu erst der Hülfe eines Arztes bedarf. Als man sich trennte, begleitete ich Aurelien und ihren Vater bis zum Wagen. »Sie halten mich doch für einen Charakter?» sagte Aurelie, als sie bereits im Wagen saß, während ihr Vater mit Herrn Schauenstein, der ebenfalls mit herabgekommen war, noch die letzten Höflichkeitsredensarten wechselte. «Hätte ich dies im entgegengesetzten Fall gewagt, mein Fräulein?» erwiderte ich. «Darf ich Sie fragen >, fuhr sie fort, «ob Sie