Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1866)
- Date
- 1866-02-01
- Page
- Seite 331 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Schlüssel. 331 meinem Tagebuch öfter vor —, und hatte die Selbstverleugnung, sich wöchentlich zweimal von einem Professor der Philosophie über Fichte's Ich und Nicht-Jch und über das Absolute Hegel's in einer Sprache, die sie nicht verstand, langweilen zu lassen. Eine andere sammelte Antographen berühmter Zeitgenossen und verkündete mit Jubel, daß sich ihr Album wieder lim eine ansehnliche Zahl berühmter Handschriften vermehrt habe. Alle aber strotzten voil Eitelkeit, und keine war Schmeicheleien unzugänglich. Die erwachsenen Söhne und Töchter paßten genau zu ihren Erzeugern. Alls der einen Seite die abgeschmackteste Prüderie, auf der andern Seite die unzüchtigste Zweideutigkeit. Die Außenseite alles, nach innen gar nichts, alles hohl und leer. Vertrocknete Gemüther, ausgepichte Gliederpuppen. Ich spielte in solcher Gesellschaft eine erbärmliche Rolle, da ich es übernahm, mich für die andern zu schämen, und so kam ich aus der Schamröthe gar nicht heraus. Mein Glück war noch Herr Blumenthal, der sich meiner allnahm und inir manche Verlegenheit ersparte. Nachdem ich mit meinen öffentlichen Studien fertig war und keinen Vorwand mehr hatte, mich von der Gesellschaft fern zu halten, mußte ich mich in diesen unseligen Strudel förmlich hiueinwerfen, und ich that es init dem Gefühl des Schiffbrüchigen, der sich, da ihm kein Ausweg bleibt, in die tobenden Fluten hinabstürzt und seine Seele Gott empfiehlt. „So war ich denn eines Abends wieder bei Schauenstein im Salon und saß schweigend auf einem schwellenden Divan, dawunderliche Treiben um mich her mitleidig betrachtend. «Warum begegnet man in dieser Gesellschaft keinem Menschen?» fragte ich mich eben, als die Flügelthüren von einem Diener weit geöffnet wurden, und an der Hand eines ehrwürdig aussehenden ältern Mannes ein junges Mädchen in den Saal trat. Ich erbebte am ganzen Leibe und wußte nicht, wie mir geschah. Die Gestalt machte mir den unbeschreiblichen Eindruck einer Göttin, die zu den Sterblichen niedergestiegen war. Die Frau des Hauses empfing die Ankommenden mit der ausgesuchtesten Höflichkeit, und nun wurde man gegenseitig vorgestellt. Die Reihe kam auch an mich. Das übliche: «Herr I),-. Frank« wurde mit ebenso artigem Ton gesprochen, als meine Verbeugung unbeholfen gewesen sein mag; denn ich vernahm, während ich aufblickte, dem würdigen Paar ins Angesicht zu schauen, hinter mir leise kichernde Mädchenstimmen. Ich muß gestehen, daß mich dies verletzt hat, wie wenig ich sonst mich daran gewöhnt hatte, derartige Aeußerungen mädchenhafter Launeil als Beleidigung auzusehen; denn ich war der Meinung, daß ich irgendwelche Ungeschicklichkeit begangen lind daß Aurelie es bemerkt habe. Ich hielt mich daher, da alles auf die Angekomiuenen zuströmte, um sie mit Höflichkeiten zu überschwemmen, in etwas bescheidener Entfernung. Sie wurden förmlich belagert und mit Fragen überschüttet. Wenn sie angekommen sei, und wie es ihr in der fremden Stadt gefalle, und ob sie sich freue, nun hier zu bleiben, und ob sie schon einige Merkwürdigkeiten der Stadt besichtigt, und ob sie eine Freundin vom Theater sei, und ob sie Kunstgenüsse der Natur vorziehe, und daß sie wahrscheinlich musikalisch sei und vortrefflich Clavier spiele, und ob sie gern Gemäldegalerien besuche, und noch anderes ähnliches albernes Geschwätz, das alles sollte Aurelie in dem Zeitraum von fünf Minuten beantwortet haben. Die jungen Leute boten ihr ihre Dienste an und versicherten, sie möge über ihre Zeit disponiren, sie würden ihr immer bereitwillig zur Verfügung sein; man schlug ihr sofort allerlei Arten städtischer Vergnügungen vor. Die Frau Geheimräthin erbot sich, Aurelien, wenn sie ihr das Vergnügen machen wolle, ihre Handschriftensammlung berühmter Männer zu zeigen; die magere Hofräthin lud sie für den nächsten Tag zu sich, wo sie Gelegenheit haben werde, einen geistreichen Professor über das Ich und Nicht-Jch einen Vortrag halten zu hören; die dritte machte ihr eine Einladung zu der demnächst in ihrem Hause