Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1866)
- Date
- 1866-02-01
- Page
- Seite 329 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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329 Der Schlüssel. keit oder Unrichtigkeit einer ihm neuen Behauptung nachzudenken, manchmal wieder sagte er: „Merkwürdig, das hätte ich doch im Leben nicht gedacht, und wenn man's da liest, so kann inan doch eigentlich nichts dagegen einwenden." So wurde das Tagebuch des ehemaligeil Schülers eine Quelle des Studiums für den ehemaligen Lehrer, und es vollzog sich an diesein eine merkwürdige Wandlung, jene Wandlung nämlich, die sich aus der Vergleichung ergiebt. Reb Sawel Kornmehl sah ein, daß alles dasjenige, was er bisher für ein festes und unerschütterliches Gebäude gehalten hatte, doch eigentlich auf sehr schwankender Grundlage ruhe. Er brachte sich "zum Bewußtsein, daß verschiedene Menschen selbst über die höchsten Fragen des Lebens auch verschieden denken können, ohne daß der eine das Recht hätte, den andern zu verdammen und seine individuelle Ansicht als die alleingültige hiilzustellen. Es trat ihm aus dein Tagebuch des Freundes ein warmes Leben, eine volle Persönlichkeit entgegen, der er, wie sehr verschieden sie auch von der seinen war, die Berechtigung nicht absprechen konnte. Das Tagebuch gewann nicht so viel Macht über ihn, daß er selbst ein Mitglied derjenigen Gemeinde zu werden wünschte/welcher Felix angehörte, aber es hatte den mächtigen Einfluß, daß er das fremde Leben, welches sich da in aller Offenheit vor ihm entfaltete, nicht ohne Wohlgefallen betrachten konnte. „Es ist wunderbar", sagte er sich, „in meinem Leben Hab' ich nicht gewußt, daß die Welt ein Räthsel ist, das man aufzulösen sich bemühen möchte. Er ist doch ein seltener Mensch. Ist es nicht seltsam? Ein Knabe soll hinausziehen in die Welt mit dem Vorsatz, den Schlüssel zu suchen, mit welchem man das Weltgeheimniß aufschließen kann?" Mit dem Tagebuch in der Hand ging Reb Sawel gegen Mitternacht zu Bett, lind auf das Tagebuch wieder fiel der erste Blick des Mannes, als er am andern Morgen erwachte. „Ich habe heute Nacht von lauter Schlüsseln geträumt", sagte Reb Sawel Kornmehl und wollte in der Lektüre des Tagebuchs fortfahren, als eben Felix ins Zimmer trat. Die beiden standen eine Weile sprachlos einander gegenüber. Jeder juchte in dem Äuge des andern zu lesen. Reb Sawel betrachtete den jungen Mann mit einer Art von Bewunderung und schien es sich nicht glauben zu wollen, daß wirklich sein ehemaliger Schüler Felix vor ihm stehe. Dieser wieder suchte in dem Auge des Lehrers zu erspähen, ob das „Pegimele" sdie Schärtet, welches denselben gestern in so frommglüubige Aufregung versetzte, noch da sei oder nicht. Schweigend ergriffen die beiden Männer einander bei der Hand, und als Felix den warmen Druck der treuen Freundeshand fühlte, da war auch mit einem mal die Spannung geschwunden, denn er konnte sich sagen: „Ich bin hier wenigstens nicht misverstanden worden." „Jetzt darf ich Sie mit Recht meinen Freund nennen, denn jetzt kennen Sie mich", beschloß Felix endlich die lange Pause. „Ich habe mich seit gestern viel mit deinem Tagebuch beschäftigt", sagte der ehemalige Lehrer, „und habe dich über manche Punkte noch um nähern Aufschluß zu fragen, aber über Eins bin ich froh." „Und das wäre?" fragte der junge Mann. „Ich habe mit Zittern und Beben die Zeiträume verfolgt und mit Schmerz gesehen, wie du, nach und nach von kleinen Anfängen ausgehend, ein Stück nach dem andern von deinem Judenthum abgeschüttelt; aber mit großer Freude erfüllt es mich, daß alle diese Gedanken aus dein äußeres Leben keine Macht hatten, daß du wenigstens äußerlich den Glauben unserer Väter nicht abgeschworen, mit Einem Wort, daß du nie daran gedacht hast, dich tanfen zu lassen." „Dann haben Sie", erwiderte Felix, „mein Tagebuch noch nicht bis zu Ende gelesen; denn ich war diesem Schritt näher, als Sie zu vermuthen scheinen!" Der Lehrer war bei diesen Worten ganz überrascht.