Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1866-02-01 · Heft 5 (Februar 1866) · p. Seite 326

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 5 (Februar 1866)
Date
1866-02-01
Page
Seite 326 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2417805-2417813-2417818--847-2418691
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

326 Jllustr. Monatsh. für die gef. ein Sohn, welcher der Kummer seiner Mutter ist. Danken wir Gott dafür I" „Ich bin noch nicht fertig, mein Kind", sagte hierauf Jentel, und eine Thräne perlte ihr im Auge. „Muß denn nur ein thörichter Sohn der Kummer feiner Mutter fein, kann dies nicht auch ein weiser?" „Red' dich vom Herzen herunter und sag' mir offen, was du meinst", erwiderte Löb Frank, indem er seine Frau mit Zärtlichkeit zu sich auf den Divan niederzog. „Kannst du dir erklären", begann sie, „was ihn so plötzlich bestimmt hat, sich herauszufetzen? Die ganze Zeit, die er in der Fremd' zugebracht, wollt' er nicht nach Haus kommen. Nicht einmal die Ferien hat er hier zugebracht, wie dies andere Studenten doch gewöhnlich thun. Ich weiß das von meinen Brüdern. Ich Hab' mich gegen feinen Willen nicht gesträubt, obwol ich ihn gern jedes Jahr ein paar Wochen hier gehabt hätte, und bin lieber zu ihm hineingefahren; denn ich Hab' mir gedacht, wenn es dem Kind mehr Vergnügen macht, in den Ferien Reisen zn unternehmen, so will ich ihm sein Vergnügen nicht stören. Aber sagen muß ich dir, daß ich nicht anders gemeint Hab', als daß er eine geheime Ursach' hat, nicht herauszukommen, die er mir verbirgt, und ich Hab' weiter nicht in ihn gedrungen. Wie kommt es nur, daß er jetzt, da ihm doch die ganze Welt offen steht, auf einmal den Einfall hat, sich herauszusetzen? Ich Hab' ihn gewiß gern bei mir; aber eine Ursach' muß dieser Entschluß haben, die er verschweigt; es muß mit ihm etwas Außerordentliches vorgegangen sein. Wenn ich mir ihn so anseh', und das Herz lacht mir vor Freude, so kommt mir plötzlich ein Weinen an; denn ich glaub', er hat einen geheimen Schmerz, den er nicht offenbaren will. Er kommt mir vor wie ein Mensch, der mit der Welt abgeschlossen hat, der mit der Welt fertig ist und nichts mehr von ihr haben will, nachdem sie ihm das Liebste, was er gewünscht, versagt hat. Hast du, seitdem er hier ist, schon einmal ge- Jnterefsen des Judenthums. hört, daß er irgendeinen Wunsch ausgesprochen? daß er dies oder jenes haben will? Nichts; alles ist ihm recht, nichts kann ihn erzürnen, aber nichts scheint ihn auch besonders zu freuen; er ist gar nicht wie andere Menschen in seinem Alter. Er kann sehr lustig sein; aber wenn er es ist, so thut er es, um andern Leuten Freude zu machen; er selbst-scheint mir innerlich gar nicht recht dabei zu sein. Er ist gegen alle Menschen so freundlich, in seinem Beruf als Arzt von einer Hingebung, wie sie sonst gar nicht vorkommt, er gönnt sich nicht Tag und Nacht, mit Einem Wort, er kommt nur vor wie einer, der gar nicht seiner selbst wegen, sondern nur noch der andern Menschen wegen auf der Welt ist. Das, mein Kind, ist nicht so der natürliche Lauf. Wenn das - ein Greis von achtzig Jahren thut, so wird man es sehr schön, aber doch natürlich finden; denn der Mensch geht endlich hinüber in eine andere Welt, und Wohl ihin, wer sich hier auf diese Reise gut vorbereitet hat; aber ein junger Mensch in seinem Alter! Ich bin auch einmal jung gewesen und du auch, und ich weiß, daß man in jüngern Jahren die Freuden dieser Welt auch nicht verachtet. Man kann sich --Oilem habo» (Jenseits) erkaufen durch «Maißim toiwiin» (gute Handlungen), aber man braucht deshalb «Oilem haseh» (diese Welt) nicht zu verschmähen. Von einem «Schidech» (Partie) trauet' ich mich gar nicht mit ihm zu reden. Für die Schönheit scheint er gar keine Augen zu haben, oder er hat für dieselbe schon zu viel Auge gehabt und ist darüber erblindet. Das ist es, mein Kind, was ich auf dem Herzen gehabt habe, und jetzt ist mir leichter." „Was du da gesprochen hast, ist alles «Thoires Eures» (reine Wahrheit)!" sagte Löb Frank, „du kannst in einen Menschen so hineinsehen, wie wenn er aus Glas gemacht wär', und nachdem du mir es gezeigt hast, nun seh' auch ich alles klar und deutlich. Aber meine Meinung ist, die Sache ruhig laufen zu lassen und keine Voreiligkeit zu begeh'n, die man später vielleicht bereuen könnte. Wir dürfen

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.