Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1866)
- Date
- 1866-02-01
- Page
- Seite 323 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Schlüssel. 323 Gastwirth, und nachdem auch Gawriele Stuffer und Mache! Weinfaß gekommen waren, ohne welche keine „Simche" (Freude) für voll gedacht wurde, und einander an launigen Einfällen und Witzen zu überbieten suchten, ließ auch Felix seiner Laune die vollen Zügel schießen und versetzte die Gesellschaft in eine so heitere Stimmung, daß die Leute beim Weggehen sagten, „so eine «Gewureh» (Stärke) haben sie in ihrem Leben gar nicht gesehen; das ist ein Kopf, Gawriele Stuffer ist ein reiner Hund gegen ihn, und wenn der «Row» diesem den «Chower» dafür gegeben hat, daß er so spaßig ist, so verdiente Löb Frank's Sohn die «Morene», wenn er sie als Doctor nicht ohnehin schon hätte." Je lustiger Felix war, desto verschlossener und kälter wurde Gumpel. Es hatte sich ein häßlicher Wurm in sein Herz hineingeschlichen, der ihn nun fortwährend quälte und ihm keine ruhige Stunde ließ. Gumpel liebte Rösele mit der vollen Kraft der ersten Liebe und der vollen Glut eines jugendlichen, unverdorbenen Gemüths. Er wußte, daß er ein beneideter Mensch sei, hat aber mit Rösele selbst von seiner Liebe nie gesprochen. Er zweifelte gar nicht daran, daß er von ihr geliebt werde; er hielt dies für eine ausgemachte, selbstverständliche Sache, wie jedermann in der Gasse, und genoß ruhig sein stilles Glück, welches bisjetzt von keinem Sturm erschüttert worden war. Der Moment, da er Felix seinem Rösele etwas ins Ohr flüstern sah, veränderte die Lage plötzlich! Er sah sich aus seinem Himmel herausgeworfen, aus seinem Heiligthum verdrängt, und Felix, sein Freund, war der Engel mit dem flammenden Schwert, der ihn aus seinem Paradies verjagt hatte. — So endete traurig der schöne Tag. Die Meinungen über den jungen Doctor, der sich hier nun niedergelassen hatte, waren getheilt. Mechol Pradenik meinte: „Es ist doch sehr schön, daß ein heimisches Kind es so weit gebracht hat, und das gereicht der ganzen Gemeinde zur Ehre." Schloime Klatschkopf war der Ansicht: „Wenn einer schon vierzehn bis fünfzehn Jahre gestudirt hat, so hätt' er's können weiter bringen und in Wien drinnen etwas Großes werden. Das heißt bei ihm gar nicht so weit gebracht, daß sich einer jetzt da als Doctor heraussetzt und um zwölfe bei Nacht aufstehen muß und laufen, wenn «chodsche» (zum Beispiel) Zirele Orkesverkäuferin im Bauch eine Leidenschaft hat. Nur aber, wie ihm scheint, ist die Sache so, in Wien drinne gibt es genug geschickte Menschen, und da braucht man nicht erst auf Löb Frank's Sohn «aufgedieh» zu sein (zu warten), und wenn der sich da heraussetzt, weiß er «e Wade« (gewiß) bei sich, daß er für etwas Größeres nicht passen thut." Salme Gloser verwies ihm aber solche Schmähungen und meinte, Jentel Frank hat eine große „Szchie" (Erlebniß), einen solchen Sohn zu haben; wenn er die „Szchie" hält', daß sein Kind wär' ein Doctor geworden, so hätt' er ihm die Händ' untergelegt auf dem Weg, daß er darüber geh'n soll. „Du aber", wendete er sich an Schloime Klatschkopf, „bist so ein Schreier, daß kein Mensch auf der Welt vor dir «Menuche» (Ruhe) hat, und du verdienst, daß man den Weg wegschaufeln solle, wo du gehst, daß kein anderer mehr darauf zu treten brauch'." Chawele Spazierstock stimmte, wie immer, auch diesmal ihrem Mann bei, und Reb Sawel, den es freute, daß Salme und sein Weib Chawele die Partei von Felix ergriffen haben, sagte: „Mehr wie alles freut mich aber eins. Daß er ein geschickter Mensch sein muß, das versteht sich von selbst, denn umsonst machen sie in Wien einen nicht zum Doctor, aber daß er als ein Jüd' zurückgekommen ist, das ist eine große Sach' und mehr Werth wie alles, weil man bei dem Studiren viel Gelegenheit hat, ein «Goi» (Christ) zu werden." Hierbei sah er Bärl Lederer wieder mit triumphirender Miene an, welche dieser als eine Herausforderung ansah, denn er schwieg dazu nicht still, sondern sagte: „Und muß sich denn einer g'rad' «koifer» sein (taufen)? Man kann auch ohne das ein «Goi» sein, und ob einer am Schabbes schreibt, oder er thut sich taufen, das ist mir alles eins."