Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 5 (Februar 1866)
- Date
- 1866-02-01
- Page
- Seite 322 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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822 Jllustr. Monatsh. für die gef. daß er noch die «Brocheh» machen kann; wer weiß, wie lang er nicht «oile lethoire» (zur Thora gerufen) gewesen ist." Gawriele Stuffer sagte: „Reb Lob mag ihm «Mizwes» kaufen, denn er wird wahrscheinlich nicht ohne «Neweres» (Sünden) nach Haus gekommen sein." Barl Lederer aber meinte: „Wer weiß, ob es gar recht ist, auf seine «Brocheh« «Omen» (Amen) zu sagen, denn man kann doch nicht wissen" — hierbei brach er ab und blickte wieder in sein „Thillimel" (die Psalmen), welches er als ein beständiges Vademecum bei sich hatte. In der Weiberschul hatte sich der junge Doctor des größten Beifalls zu erfreuen, man fand allgemein, daß er ein sehr „betamter" (anmuthiger), zuckeriger Mensch ist, und rasch wurden alle Mädchen aus der ganzen Gemeinde und der ganzen Umgegend durchgemustert, um für ihn einen passenden „Schidech" (Partie) herauszusuchen. „Das heißt eine Schad, daß Bärl's Rösele so in den Gumpel vergafft ist", sagte Chaile Schlumpersack, welche das Mädchen, da ihr Eisek es nicht bekommen konnte, auch dem Gumpel nicht vergönnte, „das wäre eine passende Partie", eine Ansicht, welche allerdings nicht auf Widerstand stieß. Zu Mittag wurde von der ganzen „Khille" geschenkt, und Nachmittag ging es mit dem Zusprechen wieder recht lustig her. Diesmal vergoß Jentel jedesmal Thränen, so oft man sagte: „Mit Lieb' soll Ihnen Ihr Gast sein", es waren Thränen der Freude, den geliebten Sohn als einen schönen, in voller Kraft blühenden, wohlgebildeten Mann wiederkehren zu sehen) zugleich aber sagte sie auch das übliche: „Bei Ihnen in größeren Freuden" mit einem Nachdruck, der die Wehmuth nicht verkennen ließ über ein gewisses Etwas, worüber sie ihren Felix zu fragen nicht den Muth hatte, und das sie sich selbst zu erklären nicht im Stande war. Felix dankte freundlich den Kommenden, die ihn, jeder in seiner Weise, ganz wie vor fünfzehn Jahren den Herrn Blumenthal begrüßten, und man wunderte sich, wie „gemein" er sei und wie wenig stolz. Als Bärl Lederer mit Interessen des Judenthums. seinem Rösele eintrat — denn wenn Bärl Lederer auch von Felix nicht die beste Meinung hatte, so blieb er doch nicht aus; dies durfte er ja Löb und Jentel Frank nicht anthun — da stand Felix auf und sagte ihm auf sein „Scholem lechem" (Friede mit euch) ein aus dem Herzen kommendes „Scholem" (Friede); er sagte es mit einem so innigen Ansdruck, wie man ihn zu vernehmen pflegt, wenn zwei auseinandergekommene Freunde sich wieder versöhnen; darauf wendete er sich rasch zu Rösele, dankte ihr für ihren Gruß und sagte: „Aus dem Nöslein ist eine Rose geworden." Rösele wurde über und über roth, wie mit Feuer übergossen; Felix drängte sich näher an sie und flüsterte ihr so leise, daß keiner der Umstehenden es hören konnte, ins Ohr: „Ich habe das Geschenk nicht vergessen, welches Sie mir vor fünfzehn Jahren mit auf den Weg gegeben haben." In demselben Moment, als Felix dies flüsterte, trat Gumpel ein. Felix eilte auf ihn zu, umarmte ihn mit Feuer, Gumpel aber war so verlegen, daß er die Umarmung kaum erwiderte, und benahm sich gegen den ehemaligen Jugendfreund mit auffallender Kälte. Kaum, daß er ihn gefragt, wie es ihm geht, und was er die ganze Zeit gemacht hat, und was dergleichen Redensarten mehr sind, die gar nichts bedeuten, und wie sie im Leben zwischen Personen gewechselt werden, die einander ganz fern stehen und eigentlich nichts angehen, nicht aber zwischen Jugendfreunden, welche die goldene Zeit der unbewußten Freiheit miteinander verlebt und nach langjähriger Trennung plötzlich wieder einander gegenüberstehen. Von solchen glaubt man, daß sie sich etwas ganz anderes werden zu sagen haben. Gumpel's Kälte machte auf Felix einen unangenehmen Eindruck, doch er hatte Lebensart genug — hatte er sich doch in der Stadt in den vornehmsten Kreisen, wie bei Schauenstein und Compagnie, bewegen müssen — um der versammelten Gesellschaft das Unangenehme seiner Stimmung nicht fühlen zu lassen. Im Gegentheil, je mehr Gäste ankamen, desto mehr war Felix der freundliche