Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 316 (sequence 76)
- Language
- German
- Belongs to
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316 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. zu glauben oder anzunehmen, daß nun der ganze mosaische Hebraismus des Urjudenthums sich noch bei dieser Sekte, vorfindet, gleichwie es ein Jrrthum! wäre, anzunehmen, daß die übrigen! Juden, welche den Talmud befolgen,! in ihrer Religion den Hauptkern der mosaischen Lehre verloren haben. Sowenig jetzt noch (wie jener Nachdrucker des bekannten protestantisch-reformirten Erbauungsbuchs, Arndt's„Wahres Christenthum", sagte) irgendwo in der Welt ein wahres Christenthum zu finden ist, d. h. sowie wir, wenn wir ehrlich sein wollen, zugeben mäßen, daß keine der jetzt existirenden christlichen Kirchen oder Sekten die Darstellung des reinen Urchristenthums mehr enthalte, ebenso ist jetzt auch kein wahrer Mosaismus im Sinne des Stifters dieser Religion mehr aufzutreiben. Allein es läßt sich andererseits auch nicht behaupten, daß nnn der ganze Talmud mit kanonischverbindlicher Kraft an die Stelle des mosaischen Lehrgebäudes oder gar über dasselbe getreten wäre; der Talmud ist nur das Resultat einer doctrinellen und geschichtlichen Fortbildung des Mosaismus durch die Rabbiner. VI. Die sich von der alttestamentlichen Schriftensammlung, der Hagiographie, der historischen und mythisch en,prophe tisch en,poetischen (lyrischen) und didaktischen älternhebräisch-aramäischen und äthiopisch-chaldäischen, arabischen u. s. w. Literatur wesentlich unterscheidende, eigentliche „jüdische Literatur" beginnt erst nach der Rückkehr der Juden aus der babylonischen Gefangenschaft, seit etwa 500 vor Christo. Die nach dem Exil (538 v. Chr.) entstandene masoretische Schule beschäftigte sich mit Sammlung und Anordnung der heiligen Bücher und deren Erklärung nach der Tradition. Die sogenannte philosophische Schule (Philo mit den alexandrinischen Philosophen) trug misverstandene Philosopheme der Griechen und Orientalen in die allegorische Erklärung des Alten Testaments hinein. Auf der althebräischen Literatur wurzelnd und meist in der hebräischen Sprache fortschreitend, nahm die neue jüdische Literatur bald persische Religionsbegriffe, griechische Weisheit, römisches Recht, später arabische Poesie und europäische Wissenschaft in sich auf, alles jedoch dem väterlichen Glauben unterordnend und nur zur Erklärung der Schriften des Alten Testaments verwendend. Seitdem hat die jüdische Literatur, obwol ohne äußere Aufmunterung, theilgenommen an der Ausbildung des menschlichen Geistes und einen noch nicht gebührend erkannten Vorrath der mannichfaltigsten Erzeugnisse hervorgebracht. Zehn Perioden dieses geistigen und literarischen Entwickelungsgangs werden unterschieden. Die erste durch Esra vorbereitete Periode reicht von 444—143 vor Christo. Diese erste jüdis che Literatur- Periode liefert Auslegungen und Zusätze zur ältern Geschichte (Lliärusellim), griechische Uebersetzungen (LeptuuAintu unter Ptolemäus II.), die samaritanische Recension des Pentateuch, den alexandrinischen Codex der Heiligen Schrift und mehrere der sogenanntenhebräischen Hagiographa (Psalmen, Sprüche, Kohelet, Chronik« u. s. w.), Bücher der Makkabäer, Jesus Sirach (200 v. Ehr.), die Leistungen der Gesetzgeber und Hohenpriester der Großen Synagoge von Esra bis Simeon und des alexandrinischen Juden Aristobulos (173 v. Ehr.). Die zweite Periode, 143 v. Ehr. bis 135. n. Ehr., theilte den Midrasch (Auslegung der Heiligen Schriften) in zwei Theile, Halacha (Ausbildung des Gesetzes zu praktischen Resultaten) und Hagada (Inbegriff der religiösen und istorischen Auslegungen), und verfaßte eide nun in schriftlichen Denkmälern, sowie exegetische Erklärungen, „Targumim", zuni Pentateuch von Onkelos aus dem 2. Jahrhundert und zu den Propheten von Jonathan ben Usiel; Ezechiel dichtete ein Trauerspiel: „Der Auszug aus Aegypten". Sodann entstanden die, später im 11. Jahrhundert in der Masora gesammelten, exegetischen Auslegungen der Interpreten Hillel, Schammai, der beiden Gamaliel, Akiba's, so-