Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 310 (sequence 70)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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316 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. stapfen von Engländern wie Addison und Steele arbeiteten ihre Nachfolger Burke, Payne („llolloetions" und „HiZlM ok man") und andere Essayisten, Hume, Robertson, Gibbon, Johnson, Adam Smith u. s. w. emsig und wacker weiter fort; und diesen Briten konnte der allgewaltige Eroberer weder den Mund stopfen noch auch ihren freien Meinungsäußerungen in Reviews u. s. w. durch Censur Vorbeugen oder ihnen das Handwerk legen; ebenso wenig ihren geistesverwandten Collegen in Nordamerika. Die deutsche Literatur war inzwischen aus ihrer Sturm- und Drangperiode in jene (schon oben berührte) der classischen Poesie und Publicistik eingetreten, und noch mitten unter dem Druck des Sklavenjochs der Fremdherrschaft hielt Fichte seine begeisterten und herzerhebenden „Reden an die deutsche Nation", schrieb Justus Möser seine „Patriotischen Phantasien", Jahn sein „Deutsches Volksthum" und Arndt seinen „Geist der Zeit", Seume seinen „Spaziergang nach Syrakus" und Görres seinen „Rheinischen Merkur", den selbst Napoleon die fünfte der gegen ihn coalisirten Großmächte nannte. Auf den Classicismus folgte der Romanticismus oder die moderne Romantik. Neben diesem schmarotzerpflanzenartigen Auswuchs der Literatur, der aus Hypertrophie des Herzens und minneseliger Gefühlsschwelgerei mistelähnlich emporgeschofsenen Romantik, gedieh dennoch auch eine reife und lebensfähige Frucht in der besonders feit 1813 (Theodor Körner, Arndt, Gleim) so emsig gepflegten politischen Poesie oder »volksmäßigen Lyrik, welche die deutsche Nation durch ihre Freiheitslieder zur Theilnahme an dem großen Befreiungskämpfe wider Napoleon I. begeisterte. Im Gefolg dieser Poesie erst konnte sich der deutschen Nation allmählich eine die anererbten und anerzogenen Standes-, Stammes-, Kasten- und Confessionsvorurtheile abstreifende politisch-religiöse Freidenkerei bemächtigen. Trotz der beim Fehlschlagen aller 1813—18 gehegten Hoffnungen und Nichterfüllung der gerechtesten und billigsten Erwartungen der Völker natürlichen Verstimmung, dauerte derFreiheitsenthusiasmus der deutschen Dichter bis in die 1820er Jahre, wo Max v. Schenkendorf und Uhland ihre patriotischen Lieder sangen, bis zu Sand's Tod und der allgemeinen Reaction. Doch war diese Volkspoesie in dem folgenden Jahrzehnt allmählich wieder verstummt, bis die französische Julirevolution von 1830 den schlummernden Volksgeist Deutschlands auch wieder weckte. Mit dem Wiedererwachen des deutschen Nationalbewußtseins überkam auch die hausbacken fortvegetirende deutsche Stubenpoesie wieder das Feuer der Begeisterung für Vaterlandsliebe und Freiheit, und so traten denn die Volks- und Freiheitssänger in Massen auf. Allein leider nahmen die demagogischen Umtriebe der Jahre 1830—34 (Wirth, Siebenpfeifer, Schüler, Elsner, Koseritz u. s. w.) einen so höchst tragischenVerlauf, daß die ihrem schmählichen Ausgang folgende Reactionsperiode wieder alle Halme und Blüten knickte. Die französische Februarrevolution von 1848 gab der Lyrik neuen Impuls, allein die unglückliche Katastrophe bei Rastadt und der endliche Verlust aller Märzerrungenfchaften mußten eine Sterilität der neuen politischen Aera des Scheinconstitutionalismus herbeiführen. Wenn aber auch die Leier verstummte, so feierten doch die Geister nicht, und von dem ihrem publicistisch-freisinnigen Bestreben sich mehr und mehr verschließenden politischen Kampfplatz flüchteten sie auf die Arena theologischer Polemik als neutrales Terrain. Auf diesem theoretischen Felde konnten leichter als auf dem schlüpfrigen Gebiet der praktischen Politik die Geister aufeinander platzen und sich der begonnene Kampf der Geister des Lichtes und jener der Finsterniß vollends ausfechten. Mit Skalpell und Sonde wurden die alten Dogmen der Theologen von der absoluten philosophischen Kritik zersetzt, nachdem sie zuvor mit der genauen Gewissenhaftigkeit eines Leichenbeschauers oder einer Coronerjury das Ver-