Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 293 (sequence 53)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Das entleerte Judenthum" der „Evangelischen Kirchenzeitung". 293 den, daß ihr Geldsack breit und tief ist, so sind sie völlig unerträglich." Wir könnten der „Evangelischen Kirchenzeitung" noch vieles nennen, was sie bei der Beschreibung der äußernLage der Juden vergessen hat, denn in der That ist der Wohlstand der Juden ein ganz schätzenswerther. Es steht aber nicht anders mit ihm als mit dem Wohlstand des Kaufmanns, des Gelverbtreibenden anderer Confessionen, man müßte denn einen besonder» Segen annehmen, dessen das Volk Gottes genießt. Solch Wunder und Gnadenthum aber voraussetzen ist dein modernen, nihilistischen Standpunkt ganz abhanden gekommen, aber die „Evangelische Kirchenzeitung" sollte eigentlich von ihrem Standpunkt aus eine ganz besondere Gnade Gottes für die Kinder des „alten Israel" in deren Wohlhabenheit erblicken, jenes „alten Israel", dessen Reich in der That nicht von dieser Welt war, solange diese Welt nur mit Treubruch und Verrath gegen die innere Ueberzeugung sich erwerben ließ. Solange man die Inden in verpestete Straßen znsammendrängte, als ein verächtliches Abzeichen am Rock sie kenntlich inachte, als sie gehetzt und gequält durch die Länder gejagt wurden, um nirgends eine Heimat z>l findeil, da hieß es, der Fluch Gottes liege auf ihnen, die Strafe für ihr verstocktes, sündhaftes Gernüth, das den Erlöser, den Gottmenschen, nicht anerkennen wolle. Nun, ineine Herren, seid consequent und erkennt deii Finger Gottes auch jetzt an; freut euch, daß der Segen und die Erfüllung für Schmach und Entbehrung auch für diese Menschenkinder gekommen ist, und geht nicht so streng mit denen ins Gericht, die der Genuß der so lange entbehrten Freiheit auch ein wenig übermüthig macht. Nur ungern wühlen wir den Staub auf, der immer entsteht, wenn man verfallenes Gemäuer berührt; nur ungern folgen wir der „Evangelischen Kirchenzeitung" in die Gänge, die sie aufzusuchen beliebt hat. Es geschieht dies wahrlich nur im Interesse der Wahrheit, wenn wir folgende Vorwürfe beleuchten, die die „Evangelische Kirchenzeitung" den Reformjuden macht. „Der Großvater der Fanny Lewald las die Encyklopüdisten", „der alte Marcus hatte eine große Vorliebe für Napoleon und keine Vorliebe für ein Land, in dem er zufällig geboren wurde, noch für ein Herrscherhaus, das das Land besaß, in dem er geboren wurde." „Das", sagt die „Evangelische Kirchenzeitung" ganz emphatisch, „das ist die Vaterlandsliebe dieser Juden, die sich so anspruchsvoll erheben und so breit in den Kammern machen." Fa gleicher Zeit wird folgender Passus aus dem Lewald'schen Buche citirt. „In Preußen durfte damals nur ein Kind einer jüdischen Familie sich wieder ansiedeln." Glauben es heute noch unbefangene Menschen, daß man damals, d. h. vor kaum hundert Jahren, in Preußen, dem christlichen protestantischen Staat, einer jüdischen Familie von sieben Kindern nur die Erlaubniß ertheilte, ein Kind verheirathen zu dürfen? Glaubt man es sich selbst, daß Pharaonische Gesetze fast bis ins 10. Jahrhundert hinein gehandhabt wurden? Die „Evangelische Kirchenzeitung" aber wundert sich deshalb gar nicht, sie nimmt es wenigstens ohne jede Bemerkung als selbstverständlich hin, daß das „alte Israel" auf diese Weise mehr als deeimirt werden sollte, aber sie wundert sich, daß die Juden, denen man also that, weder für das Land, noch für seinen Herrscher Anhänglichkeit hatten. Warum aber citirt der aufmerksame Leser der Biographie des eiteln Judenmädchens reicht die Stellen, wo von dem Befreiungskämpfe des Jahres 1813 und von der Vaterlandsliebe der damaligen jüdischen Jugend allerdings die Rede ist, einer Vaterlandsliebe, die nur in dem ewig unversiegbaren Born des Edeln im Menschenherzen ihrer: Ursprung hatte, da sie ebenso unverdient dem Vaterlande sich hingab, als sie mit schnödem Undank velohnt wurde. Es heißt bei dieser Gelegenheit wörtlich: „Es ist nach meiner Meinung nie genug gewürdigt worden, wie groß die Selbstverläugnnng und die Vaterlandsliebe der Juden gewesen sind, welche sich im Jahre