Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 291 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2417805-2417813-2417817--811-2418654- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
„Das entleerte Judenthum" der „Evangelischen Kirchenzeitung". 291 aufgeklärte Judenthum" unserer Zeit vor ihr Forum zu ziehen und es mit dem Lichte ihrer frommen Gesinnung zu bestrahlen. Diese fromme Gesinnung, diese wahrhaft christliche Liebe und Milde gibt sich nun bald in der Weise kund, wie sie von dem aufgeklärten Judenthum oder den Reformjuden spricht. Sie will sie nicht mit den Nihilisten der christlichen Religion verwechselt wissen, den Rongianern, Freigemeindlern und dergleichen Leuten. „Der echte Reformjude", sagt sie, „ist ein durchaus specifisches, ein eigenartiges Wesen von besonderm Geruch und Geschmack. Es gibt auch unter den Nagethieren, welche alles anfressen und begeifern und allenthalben die Spuren ihrer Gefräßigkeit zurücklassen, doch noch einen Unterschied des Grades der Widerlichkeit. Die Maus mit ihrem Nagezahn ist nicht so fatal wie z. B. die Raupe mit ihrem kalten, weichen Leibe und ihren unzähligen Beinen oder die Schnecke, welche "ihren zähen Schleim nachläßt und jedesmal Ekel erregt." Die „Evangelische Kirchenzeitung", die im Besitz des reinen Evangeliums zu sein sich rühmt, die in ihrem Heiland Jesus Christus lebt und stirbt, demjenigen, der gesagt hat: „So du deinen Bruder Bösewicht nur nennst, bist du des Todes schuldig", die „Evangelische Kirchenzeitung" läßt es zweifelhaft, mit welcher Gattung ekeln Gewürms sie den Reformjuden, der doch auch ihr Bruder ist, vergleichen soll. Wir wollen indeß auch diesen Bildern, die wir nur mit Widerstreben wiederholt, nicht weiter nachgehen, um nicht in den Verdacht zu gerathen, als zählten wir den Verfasser jener dichterischen Bilder zu den Thieren der letztgenannten Art, mit dessen Schleim wir uns beschmuzt hätten. Denn nicht um mit gleicher Münze zu zahlen, besprechen wir den genannten Artikel, ja, auch nicht um allen Beschuldigungen gegen die Reformjuden entgegenzutreten — sie haben auch nicht den Anspruch, zu den Heiligen und Reinen gezählt zu werden — auch nicht, um auf Schritt und Tritt zu beweisen, daß die Schwächen und Verirrungen der Nihilisten, der Reformjuden sich in keinem Verhältniß zu dem Greuel und Frevel befinden, der von der Partei, die sich die religiöse, die fromme nannte, ausgeübt wurde. Unterrichtete Leser wissen, daß die Fackel der Zwietracht, in frommem Eifer entbrannt, Städte und Länder verwüstete, daß Scheiterhaufen in frommem Eifer angezündet wurden, daß der Same des Hasses und der Verachtung gegen Andersglaubende, der in so hohe Saaten aufschoß, vonl frommen Eifer gesäet wurde. Gegen diese Sünden der frommen Eiferer verhalten sich doch wol die Sünden der Nihilisten, der Reformjuden, wie die Schwächen kleiner Kinder gegen die Bosheiten grauer Sünder. Aber nicht des Ernstes bedarf es in unserer Zeit, wenn man Dinge bespricht, die von dem Geist unserer Zeit als abgefallen betrachtet werden können und die deshalb „als wahrhaft antiquirte Erscheinung" nur mit einem mitleidigen Lächeln betrachtet werden können. Denn ist es für den mit der Entwickelungsgeschichte des Judenthums der letzten hundert, ja der jüngsten fünfzig Jahre Vertrauten nicht mehr als lächerlich, wenn er die „Evangelische Kirchenzeitung" plötzlich zum Anwalt des „alten Israel" sich erheben sieht, „jenes Israel", das in seinen Satzungen und Ceremonien lebt? Wenn er hört, daß die „Evangelische Kirchenzeitung" dieses „alte Israel" sogar eine „ehrwürdige Erscheinung" nennt? Wie dankbar wäre jenes „alte Israel" noch vor fünfzig Jahren gewesen, wenn fromme deutsche Gelehrte das Licht ihrer Weisheit hätten hineinleuchten lassen in das Dunkel christlicher Vorurtheile, die in jenen Ceremonien im besten Fall nichts gesehen als ein unheimliches, gespenstisches Treiben, in dem treuen Festhalten an denselben nichts als Verstocktheit des Gemüths und Verachtung gegen die christliche Welt. Wie dankbar wäre das „alte Israel" der „Evangelischen Kirchenzeitung" gewesen, wenn sie all den unzähligen deutschen Schriftstellern, all den Sprechern in den deutschen Kammern, all den Ministern und is*