Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1866-01-01 · Heft 4 (Januar 1866) · p. Seite 284

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 4 (Januar 1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 284 (sequence 44)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2417805-2417813-2417817--804-2418647
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

4 entity mentions

284 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. einer gewissen Willkür nebeneinander stellt. Eine zweite Eigenthümlichkeit, die oft den Faden der Discussion unterbricht, sind die unter dem Namen „Agadah" bekannten philosophischen oder allegorischen Episoden, welche das Colorit der außerjüdischen Anschauungen und Lehrweisen haben , und nur durch den Umgang mit den Babyloniern, Persern und Aegyptern eine gewisse Bekanntschaft bei den Juden erlangten. Denn ich wiederhole hier, was ich zu Anfang bereits ausgesprochen habe: der Talmud befaßt sich nirgends mit der Frage von dem Dasein Gottes, das im Leben der Menschen seinen ureigenen, unerschütterlichen Boden hat, in ihm finden die religiösen Dogmen nirgends Platz; was er an derartigem Stoff bietet, das ist von vornherein als ein fremdartiger zu betrachten. Sein Gebiet ist das Leben der Wirklichkeit in der tausendfältigen Berührung des praktischen Handelns, des lebendigen Verkehrs, und so oft er darüber hinausgeht*), geschieht es, indem er gleichsam die Grenzen der Wirklichkeit erweitert, und nur im vollen Bewußtsein, daß er auf irdischen Bahnen, in irdischen Verhältnissen sich bewegt. Daß dieser Umstand dem jüdischen Volk das Gebiet der Philosophie überhaupt, was wir heute darunter verstehen, verschlossen hätte, und daß die Kenner des Talmud der Wissenschaft der Philosophie fremd geblieben wären, habe ich in dieser erleuchteten Versammlung nicht erst nöthig in Abrede zu stellen, nachdem ich nur vorübergehend aus Namen wie Saadias, Maimonides, Gersonides, Jehuda Halevi, Spinoza und Moses Mendelssohn Hinweise. Der Talmud ist ein mächtiger Hebel des Geistes, er erweitert den Gedankenkreis und schärft die Hebungen des Verstandes, er bringt die Kräfte der Seele in Fluß und läutert das Vermögen des Glaubens durch die Arbeit der Erkenntniß. Deshalb reslectirt sein Wesen in jeder geistigen Thätigkeit, und an seiner Hand wird jedes geistige Gebiet der Wissenschaft Philippson, „Entwickelung der religiösen Idee", X. und Kunst zugänglich. Ihm sind Scheiterhaufen errichtet worden*), aber aus den Flammen ging er wie neubelebt hervor, und immer von Neuem bildete er den Mittelpunkt des gelehrten und des gläubigen Israels. Es wird nie gelingen, ihn seinem eigentlicheil Wesen nach in eine andere Sprache zu übertragen, nicht sowol wegen der stofflichen Fremdheit, als vielmehr einzig und allein wegen der Eigenart seines Geistes, dessen Organ niemals eine Uebersetzung werden kann. Die gelungensten Commentare **) sind diejenigen voll Raschi, dem bekannten Erklärer der Bibel, und den Tossaphisten, Commentare, die ich nicht anders bezeichnen kann, als daß sie das Verständniß des Talmud erst ermöglichen. Grätz***), der ausgezeichnete Historiker der Gegenwart, drückt sich in folgender Weise aus: „Der Talmud war mit Einem Wort der Erzieher des jüdischen Volks, und diese Erziehung war keine schlechte, indem sie allen störenden Einflüssen der Ausnahmestellung, Erniedrigung und systematischen Entsittlichung zum Trotz im jüdischen Volk einen Grad von Sittlichkeit gepflegt, die dessen Feinde selbst ihm nicht absprechen können. Er hat das religiöse und sittliche Leben des Judenthums erhalten und gefördert, er hat den zonenweit zerstreuten Gemeinden eine Fahne gereicht und sie vor Zersplitterung und Sektirerei geschützt; "er hat den Nachkommen die Geschichte ihres Volks heimisch gemacht; endlich hat er ein tiefes Gedankenleben erzeugt, die Geknechteten und Gebrandmarkten vor Verdumpfung bewahrt und für sie die Fackel der Wissenschaft angezündet." Ich füge hinzu: Der Talmud hat dazu beigetragen, den Geist und die Seele der Juden durch die Wogen des Misgeschicks zu tragen; möge es ihm *) Zum ersten Mal im Jahre 1244 in Paris; vergl. Grätz, „Geschichte", VII) im 4. Kap. an mehrern Stellen. **) Die noch in der Bearbeitung begriffene kritische Talmudausgabe von vr. Lebrecht in Berlin wird ohne Commentar erscheinen. ***) „Geschichte", IV, 478.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.