Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 267 (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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Ueber den „Gott der Rache" u. das „Princip derLiebe" im Judenthum. 267 er mit vielen andern vor und während seiner Zeit getheilt hätte. Aussprüche indeß wie: „Den Feind segnen, dem Räuber auch noch den Mantel geben, dem Beleidiger auch noch die linke Wange reichen" u. s. w. (Matth. 5) beweisen, daß er darin den Boden realer Wirklichkeit verließ und in idealistische Schwärmerei gerieth. Vielleicht ist es mit daher gekommen, weil das Christenthum von vornherein der Beziehungen zum realen Leben zu sehr entbehrte und zu sehr abstract blieb, daß das christliche Leben, das staatliche wie sociale, von jeher zu wenig von „Liebe" gezeigt hat trotz des Pochens der Kirche darauf, trotz des fortwährenden Redens von „christlicher Liebe". Wir meinen dies nicht blos wegen der feindseligen und martervollen Judenverfolgungen früherer und neuerer Zeit und der noch allerorts bestehenden gehässigen socialen Vorurtheile und Beschränkungen gegen uns, sondern auch wegen der bereits erwähnten Anfeindungen und Verfolgungen christlicher Kirchen und Sekten untereinander, wegen der einerseits von der Kirche eingeführten, andererseits von derselben genehmigten und geduldeten Jnquisitionsgerichte und Torturmaßregeln, — und wie man glaubte und sagte: In nmMein voi Zloriam, im Eifer und zur Ehre Gottes und der Religion der „Liebe". Zur Erklärung nun der mannichfachen Stellen, an denen die Rache Gottes heraufbeschworen wird zur Ahndung der vielfachen Leiden, zur Vergeltung des stromweise vergossenen Bluts der Frommen und Heiligen, einzelner Personen, wie ganzer und vieler Familien und Gemeinden in Israel, — Stellen, wie sie sich in den kanonischen Büchern der Heiligen Schrift und den rituellen Gebeten der Synagoge finden, ist nicht zu übersehen, daß dies Schmerzensrufe zunächst des gedrückten und gepreßten Gemüths der einzelnen sind, wenn auch von gar Vielen mitempfunden und nachgesprochen. Es sind keine Rachegedanken, welche vom allgemein religiösen Standpunkt Gott untergeschoben werden sollen, sondern individuelle, subjective Empfindungen, aus den zufälligen Verhältnissen und der momentanen Lage heraus erklärbar, aber ohne allgemeine Gültigkeit und ohne dogmatische Bedeutung. Auch wissen wir, daß die Rache Gottes keine menschlich-leidenschaftliche Gemüthserregung in sich schließt, sondern nur Gottes vergeltende Strafgerechtigkeit und Erlösung der Bedrängten bedeutet. Von diesem Gesichtspunkt aus war es vielleicht nicht einmal nöthig, daß der überall durchschlagende Geist der „Liebe" im Judenthum in neuerer Zeit die betreffenden Gebetstellen im Ritual der Synagoge gestrichen oder modisicirt hat. Mag es geschehen sein, um Missverständnissen vorzubeugen, oder weil man sie den Verhältnissen unserer Zeit in Wirklichkeit nicht mehr für angemessen hielt, immerhin liegt der Beweis darin, sowol daß sie momentanen und individuellen Empfindungen ihre Entstehung verdanken, wie daß der Geist der „Liebe" und Versöhnung heute noch sowol das allgemeine wie persönliche, das synagogale wie sociale Leben der Juden beherrscht. Daß derartige Stellen in unserer Zeit für den ruhigen Verstand und die kalte Ueberlegung Nichteingeweihter Staunen erregen können, ist begreiflich. Wer aber die geschichtlichen Verhältnisse kennt und in die Lage der furchtbar Unterdrückten und hart Bedrängten sich hineinzudenken vermag, wird den laut gewordenen Schmerzensschrei solcher Gemüther nicht auffällig finden. Es ist auch nicht jeder zum Stoiker geschaffen. Trotzdem er die Grundsätze seiner abstrahirenden Philosophie kennt und in ruhigen, ungestörten Augenblicken für richtig erklärt, in erregten Momenten wird dennoch gar mancher von Zufällen und Umständen beherrscht. Ebenso auch ist nicht jeder Fromme fähig, trotz der demuthsvollen Hingebung, zu welcher er sich grundsätzlich bekennt, in der rauhen Wirklichkeit seiner Lage diese stets und sofort mit Ruhe zu bewähren. Davon aber bleiben sowol die Principien der Religion, wie das Leben der Gesammtheit unberührt, auf deren Beurtheilung es allein hier ankommt. Es ist auffällig, wie man christlicher-