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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1866-01-01 · Heft 4 (Januar 1866) · p. Seite 268

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 4 (Januar 1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 268 (sequence 28)
Language
German
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268 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. seits dem Judenthum das Princip der „Liebe" hat abstreiten können, da dieses doch das Grundwesen aller Religion ausmacht und mit ihr eigentlich nur zur Erscheinung kommen konnte, um nicht zu sagen: durch sie offenbart worden ist. Als eine Religion, worin es seine erste Entstehung hat, läßt das Christenthum doch immer noch das Judenthum gelten. In Rücksicht hierauf geräth das Christenthum durch diese Behauptung mit sich selbst in Widerspruch, wenn es diese nicht als offene Feindseligkeit gelten taffen will. Denn woher lernt der Mensch das Princip und dis Forderungen der Liebe anders kennen als in der Religion? In der leblosen Natur und in der Thierwelt finden wir nichts davon. In jener kann sie nur unbekannt sein, wo weder Thätigkeit noch Leben ist, aber auch in dieser muß sie fehlen, wo für Thätigkeit und Leben der Thierwelt alle Selbständigkeit fehlt, sondern nur das naturgemäße Gesetz herrscht. Wir finden vielmehr in der Thierwelt das gerade Gegentheil von Liebe: Selbstsucht, Gewalt. Gerechtigkeit und Liebe, die Grundlage des menschlichen, religiösen Lebens, fangen mit der Entäußerung der Selbstsucht, mit der Selbstverleugnung an. Den wilden Menschen sind Gerechtigkeit und Liebe heute noch fremd, sie stehen mit ihrer Selbstsucht und Gewalt, die ihr Leben kennzeichnet, auf thierischer Stufe. Aber auch die civilifirten Völker der Vorzeit kannten nur das Recht, nicht die Gerechtigkeit, d. h. das zum Schutz des von einzelnen selbstsüchtig oder gar gewaltthätig erworbenen und festgehaltenen Besitzes und Rechts aufgestellte Gesetz. Schon Cicero erkannte, wie weit dieses Recht (jus) von der Gerechtigkeit verschieden sein könne, indem er sprach: summum jus 8L6P6 summa injuria, das größte Recht ist oft die höchste Ungerechtigkeit. Die „Liebe", welche im Nebenmenschen den gleichberechtigten Bruder, das göttliche Ebenbild wie in sich selbst erkennt, war ihnen gänzlich fremd. Denn alle Fremden waren ihnen Barbaren, alle Besiegte wurden ihre leibeigenen Sklaven. Aber auch heute noch ist die „Liebe" mit dem Wesen und Leben des Menschen noch nicht so verwachsen, daß sie nicht jedem Selbstverleugnung und Opfer auferlegte, von den Anfeindungen einzelner Menschen und Völker, ja selbst innerhalb der verschiedenen Religionen nicht zu reden. So verstehen wir, wie das Judenthum seine hauptsächliche Bedeutung und seinen Gegensatz zu der übrigen Welt nur darin hatte und haben konnte, daß es zuerst den Grundsatz der „Gerechtigkeit und Liebe" aufstellte. Diesen Geist der Lehre bewahrt das Judenthum durch alle Jahrhunderte. In den später» vor- und nachchristlichen Jahrhunderten scheint mit Absicht darauf hingedeutet zu werden, daß neues über die „Liebe" im Christenthum nicht gelehrt werde, sondern alles im Judenthum schon enthalten sei. In den Sprüchen der Väter (5, 10) gilt derjenige nämlich erst als wahrhaft fromm, welcher auch seines eigenen Besitzes zu Gunsten des andern und aus Liebe zu ihm, sich entäußert. Vielleicht etwas idealistisch, wie Matth. 5, 40; 19, 21. Ein anderer Spruch, ebend. 1, 12, zunächst wol ein Zeugniß des Kampfes der Pharisäer (Volkspartei) gegen die Sadducäer (Priesterpartei) gibt jedem auf, durch „Friedfertigkeit, Versöhnlichkeit und Liebe" ein wahrer Priester des Herrn zu sein*); ähnlich dem prophetischen Wort, womit Zacharias das Volk Israel auf seine Mission durch und für die Welt aussandte: „Nur liebet die Wahrheit und den Frieden" (Zach. 8, 19). Ich bin überzeugt, lieber Freund, *) Dieser Ausspruch ist von Hillel, welcher kurz vor Jesus lebte. In Sabb. 31, a findet sich der Ausspruch Hillel's einem Heiden gegenüber, der sich zum Judenthum bekennen will: „Was du nicht willst, das man dir thu', das thu' auch einem andern nicht." „Dieses Gesetz von der Nächstenliebe", fuhr Hillel fort, „ist das Hauptgebot." Hierin, wie in so vielen andern correspondirenden Aussprüchen des Neuen Testaments mit denen der Rabbiner liegt wol der Beweis, daß das Streben Jesu, den geistigen Inhalt der Religion hervorzuheben, im Judenthum und der damaligen Zeit selbst lag; daß es dazu keines neuen und fremden Reises bedurfte, welches dem alten Glaubensbaum aufzupfropfen gewesen wäre, sondern daß der Trieb dazu von ihm selbst ausgegangen, das fremde Reis aber nicht mit ihm verwachsen ist.

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