Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 263 (sequence 23)
- Language
- German
- Belongs to
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Ueber den„Gott der Rache" u. das „Princip derLiebe" im Judenthum. 263 Rache, die Vergeltung und das Recht" (Deut. 1, 17; 32, 35), um den Menschen von leidenschaftlicher Rachsucht ab- und fernzuhalten und eine gerechte Vergeltung mit Anrechnung der persönlichen und sachlichen Verhältnisse und Bedingungen zu begründen. Selbst Rache ausüben oder auch nur das Gefühl derselben im haßerfüllten Herzen zu bewahren, ist ausdrücklich verboten, vielmehr geboten, trotz des angethanen Unrechts die Nächstenliebe nicht aufzugeben und um ihretwillen, wie im Hinblick auf die Allwissenheit Gottes, der nichts entgeht, und dessen gerechte Vergeltung, die nichts Böses ungeahndet läßt, dem Nebenmenschen sein Unrecht vorzuhalten, um die nöthige Aufklärung über Jrrthum und Misverständnisse sofort vorzunehmen und durch Aufschiebung derselben die Versöhnung nicht zu erschweren. Die Unterlassung dieser Liebesthat fällt nach der Lehre des Judenthums dem Beleidigten zur Last (Lev. 19,17 und 18). Die Ermahnungen in Matth. 18, 15 über Versöhnlichkeit gründen sich auf die obige alttestamentarische Bibelstelle und geben auch im einzelnen den Geist und die bezüglichen Anordnungen des Judenthums wieder (Jom. 87, a). Wäre denn auch Gottes Gerechtigkeit denkbar ohne eine Bestrafung des Bösen, setzt Gleichgültigkeit gegen Sünde und Laster nicht Schwäche und eine laxe Moral voraus? Aber in Gott widersprechen sich eben Gnade und Gerechtigkeit nicht. Gnade heißt nicht ein willkürliches Aufheben der strafenden Gerechtigkeit, will diese in ihrem Lauf nicht hemmen, denn Gott wird nicht wie der menschliche Richter vom todten Buchstaben des kalten, geschriebenen Gesetzes beherrscht. Selbst mit der strafenden Gerechtigkeit Gottes verbindet sich seine Gnade, kommt seine Liebe zum vollen Ausdrucke sowol weil die Strafe Gottes und ihr Maß in Berücksichtigung aller sachlichen und persönlichen Umstände, die ihm, aber nicht immer dem menschlichen Richter, bekannt sind, ganz gerecht sind, als weil Gott damit nicht Befriedigung seines Rachegefühls, sondern Besserung des Sünders beabsichtigt. „Im Zorne selbst gedenkt Gott der Liebe" (Habak. 3, 2). Eine ungerechtfertigte Nachsicht gegen den forttobenden, ungebesserten Sünder wäre eine Verletzung der göttlichen Gerechtigkeit, welche Gott nur übt, um die Herrschaft des Guten, die Verfittlichung des Menschengeschlechts, die Begründung des Himmelreichs auf Erden zu befördern, denn der Begriff oder Ausdruck vom „Himmelreich" gehört dem Judenthum an und somit auch der Gott der „Liebe". Dies alles ging vom Judenthum ins Christenthum über. Von der Strafgerechtigkeit Gottes heißt es ausdrücklich: „Gott straft wie ein Vater, welcher dem Sohn wohl will" (Deut. 8, 5; Prov. 3, 12). Das heißt: Gott hört auf mit seiner Strafe, wenn die Besserung bewirkt worden und eingetreten ist. Bestimmter und ausführlicher spricht sich der Prophet aus in Ez. 33, 12 fg.: Gott gedenkt der frühem Sünden nicht mehr, wenn der Sünder zu ihm zurückrehrt, vomBösen abläßt und Gutes thut, wie er umgekehrt die Thaten des Tugendhaften nicht anrechnet, wenn dieser den Weg des Guten, des Wahren und Rechten verläßt. Böses und Sünde, Laster und Unsitte, Gewalt und Ungerechtigkeit übt. Die Milde, Langmuth, Nachsicht Gottes, als Ausfluß seiner „Liebe" sind schon unter den Eigenschaften Gottes aufgezählt (s. o.). Aber auch schon im Anfang der Bibel finden sie als Grundzug des Judenthums und des Geistes seiner Lehre ihren Ausdruck in Gen. 6, 3.: „Mein Geist (spricht Gott zum sündhaften Menschengeschlecht) soll nicht mit dem Menschen in Ewigkeit rechten, d. h. ich will nicht mit der vollen Strengemeinergöttlichen Anforderungen die Menschen richten, weil sie in ihrem Fehl ja nur schwaches Fleisch sind." Und ebend. 8, 21: „Denn das Dichten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf"; d. h. die Anlage zum Bösen, die Möglichkeit dazu trägt er in sich; um sie zu überwinden, bedarf er der Belehrung und Erziehung, aber auch meiner „liebevollen Nachsicht und milden Beurtheilung". Wahr ist es, daß von Gottes „brennendem Zorn" die Rede ist, daß seine Strafgerechtigkeit mit einem „verzeh-