Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 261 (sequence 21)
- Language
- German
- Belongs to
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Ueber den „Gott der Rache" u. das „Princip der Liebe" im Judenthum. 261 rechtfertigt sich daher auch am besten das Judenthum gegen den Vorwurf particularistischer Ab- und Ausschließung. Schon von Abraham, dem Stammvater Israels, an macht sich die Bestimmung seiner Gotteserkenntniß und Gotteslehre als ein Segen für alle Völker der Erde geltend (Gen. 22, 18), und so erhält sich die Idee des Universalismus, die Bestimmung des Judenthums zur Weltreligion durch alle prophetischen Bücher. Der Messianismus des Judenthums ist nichts als die Verwirklichung dieser prophetischen Weissagungen und Hoffnungen in einem Leben der gesammten Menschheit voll des Friedens und der „Liebe". Die particularistische Absonderung, worin Israel während seines Aufenthalts im Heiligen Lande gehalten wurde, war nur die nothwendige Vorstufe der spätern Entwickelung, ein zu überwindender Durchgangspunkt der Mischen Lehre. Das Judenthum ward dort gleichsam wie ein Saatkorn in den Schos der Erde niedergelegt, wo es verborgen und unberührt liegen blieb, bis der sich daraus ungestört entwickelnde Glaubensbaum die nöthige Kraft und Stärke erlangt hatte, um nach fremdem Boden perpflanzt zu werden oder doch seine Schößlinge dahin zu entsenden, seine Zweige auch über andere Länder auszudehnen und seine Früchte für die Völker der ganzen Erde zu reifen. Palästina ist so gleichsam die Wiege des Judenthums, wo die neugeborene Lehre bis zu ihrer jugendlichen Erstarkung in stiller Verborgenheit vor der Welt gepflegt wurde. Da erst trat sie, im Bewußtsein ihrer universalistischen Bestimmung unter die Völker, vor die Welt. Die Auflösung des israelitischen Staatslebens, die Zerstreuung Israels unter die Völker der Erde und ihre Verbindung mit ihnen hat nach der traditionellen Lehre des Judenthums nur den Zweck, die Verbreitung jüdischer Gotteserkenntniß und Gotteslehre zu bewirken (kos. 87, b). *) Es bedarf übrigens zur Erkenntniß *) Pes., 87, d: „Gott hat Israel nur unter die Völker der Erde zerstreut, um die Bekenner des Judenthums zu mehren." der Liebe Gottes nicht des indirecten Beweises aus dem Geiste des Judenthums; specielle Thatsachen und Ausdrücke sprechen hierfür: Gott hat Israel aus Liebe erlöst, weil seine Wehklagen in Aegypten ihn „gerührt" haben (Deut. 3, 7); Gott hat auch Israel nicht um seines eigenen Verdienstes willen erwählt, sondern aus „Gnade" und „Liebe" (Deut. 7, 8). Auch des verstoßenen Jsrael nimmt sich Gott in „Liebe" wieder an und seine Züchtigungen und Leiden machen sein Mitgefühl rege (Lev. 26, 44 und 45). Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern seine Umkehr und Besserung, damit er das Leben erhalte (Ez. 33, 21). Dafür ordnete Gott die Gnadenmittel an: Reue, Buße, Opfer, Gebete. Dagegen forderte die heidnische Ansicht zur Sühne der erzürnten Gottheit den Tod des Schuldigen oder als Aequivalent das Blut desstellvertretendenOpfersvonMenschen oder Vieh. Diesen Sinn hat das den Heiden gepredigte Christenthum auch dem Kreuzestode Jesu untergelegt, indem ihm die Sünden der Menschheit wie einem stellvertretenden Opfer imputirt worden seien oder er sie freiwillig über sich genommen habe und noch nehme und so die Menschen von dem verdienten Tode rette, welchen er statt ihrer erduldet habe und nach katholischer Transsubstantiationslehre bei jedem Meßopfer stets aufs neue zur Sühne der sündhaften Gläubigen erdulde. Von solchen heidnischen Elementen war selbst das Urchristenthum nicht frei geblieben — durch seine Verbindung mit den Samaritanern, unter denen Jesus seine ersten Anhänger zählte. Diese Sekte, aus einer Mischung heidnischer und jüdischer Religions-Lehren und -Sitten gebildet, stand von jeher dem Judenthum feindlich gegenüber. Man hielt sie nicht einmal „jüdischer Liebesthaten" fähig, wie aus dem Beispiel des Neuen Testaments vom „barmherzigen Samaritaner" hervorgeht. Sie hatten ihren eigmen Tempel, in welchem eine Taube verehrt wurde, das Symbol der Fruchtbarkeit in den heidnischen Naturreligionen. Daher repräsentirte die Taube im Neuen Testament den „Heiligen Geist". In