Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 260 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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260 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. den, betheiligen sich an Collecten auch zu Gunsten der Christen. Trotz der vielen Leiden und Duldungen, Unterdrückungen und Verfolgungen, Verhöhnungen und Zurücksetzungen, welche Israel so viele Jahrhunderte durch die Hand der Christen, — wahrlich nicht aus „Liebe"! — hat erdulden müssen und theilweise noch erduldet, trotz der lieblosen Vorenthaltung seines Menschenrechts durch die Christen und des vis auf unsereTagefortgesetzten Kampfes sind die Juden fern von jedem Rachegefühl. Im offenen Anschluß an die Menschheit gedenken sie nicht der frühem Ausschließung, sie schließen sich weder ab noch aus, wo sie nicht von andern ab- oder ausgeschlossen werden. Das zeugt von „Liebe und Versöhnlichkeit". Aber nicht blos das Verhältniß der Juden zu den Christen und die Behandlung, welche jene von diesen erfahren, zeugt, daß das Princip der Liebe weder die Gesinnung noch das Leben der Christen beherrscht, der Umstand, daß die martervollen Torturen des weltlichen und kirchlichen Jnquisitionsgerichts möglich waren und bis in die zweite Hälfte des vorigen Jahrhunderts von Christen auch gegen Christen angewandt wurden, spricht deutlicher noch dafür. Wie man angesichts und in Erinnerung dessen, was von Christen sogar in fanatischem Eifer für die christliche Religion, und von Juden wie christlichen Sektirern erduldet worden, seitens der Christen das Princip der „Liebe" in (religiöser) Lehre, Gesinnung und Leben nur für sich in Anspruch nehmen kann und, von „christlicher Liebe" im Gegensatz zum Judenthum redend, der Lehre und den Thaten Israels zu Trotz dasselbe der Religion und dem Leben der Juden abzusprechen vermag, — ist unbegreiflich. Wo im Namen Gottes und seiner Religion „Liebe" gelehrt und deren Ausübung in der angegebenen Weise gefordert und geübt wird, muß auch Gott selbst ein „Gott der Liebe", kann er nicht ein „Gott der Rache" sein. Der Begriff vom „Gott der Rache" gehört überhaupt dem heidnischen Alterthum an, wonach man alle Unfälle des menschlichen Lebens, durch Naturelemente oder Schuld der Menschen veranlaßt, der Rache der Götter zuschrieb. Dem gegenüber lehrte nun das den Heiden gepredigte Christenthum einen „Gott der Liebe". Ein „Gott der Rache" ist ein den Juden unbekannter Begriff, vielmehr leuchtet es im voraus schon ein, daß dieses durch einen Gegensatz zum Heidenthum dieen Begriff nicht in sich ausgenommen, ändern ihm ebenfalls durch den Begriff vom Gott der Liebe entgegengetreten sein wird. Der Begriff von der Rache Gottes ist außerdem nach der Lehre des Judenthums ein ganz anderer. Die ganze Lehre des Judenthums wird als ein Ausfluß, eine Offenbarung Gottes dargestellt, somit muß die Idee der Liebe, wenn sie eine göttliche Vorschrift für den Menschen ist, nach Gott vorhanden sein. Die Vorschrift, „in den Wegen Gottes zu wandeln" (Deut. 13, 5), umfaßt daher nach jüdischer Schrifterklärung die Nacheiferung Gottes in Gesinnung und Thal, somit auch „liebevoll" zu sein, wie Gott (8ot. 14, a). „Liebe" athmet die Heilige Schrift, sagen ihre Erklärer (ebend.), von Anfang bis zu Ende. „Liebe" gibt Gott sofort bei der Schöpfung des Menschen gegen diese zu erkennen, Liebe gegen sie übend und für sie vorschreibend. Denn die Schöpfung des Menschen im Ebenbild Gottes ist ebenso sehr ein Beweis der Liebe Gottes, als die Anerkennung des göttlichen Ebenbildes in jedem Menschen uns zur Ausübung der Liebe gegen ihn zwingt. Deutlicher ist dies noch in dem Stammregister des Menschengeschlechts (Gen. 5) ausgesprochen, indem oer Nachweis der Abstammung aller Menschen von Einem Aelternpaar allen die Pflicht der Brüderlichkeit und Liebe auferlegt. Einen andern Zweck hat diese trockene biblische Nomenklatur nicht, und mit Recht sagen deshalb die Schriftgelehrten von den Worten in Gen. 5, 1.: „Dies ist das Buch von der Abstammung des Menschengeschlechts", daß darin ein Grundprincip des Judenthums niedergelegt und ausgesprochen sei, nämlich: das Gebot der Nächstenliebe (N. llalgu. 40). Von diesem Gesichtspunkt aus