Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 259 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Ueber den„Gott derRache" u. das„Princip derLiebe" imJudenthum. 259 wie sie ja noch der Mosaismus den herrschenden Anschauungen und Vorgefundenen Einrichtungen machen mußte. Im Mosaismus wurden nun heidnische Elemente durch den Einfluß des Monotheismus gehoben, während im Christenthum monotheistische Lehren durch den Einfluß heidnischer Elemente depravirt wurden. Als aber das Christenthum einmal dem Judenthum als ein anderes gegenüberstand, vollendete die Opposition das feindselige Spiel. Man suchte nunmehr das Judenthum nicht blos als ein anderes, sondern auch als ein schlechteres hinzustellen, dem gegenüber die neue Lehre des Christenthums als die vollendetere erschien. Man vindicirte hiernach die reinen Lehren des Judenthums der neuen Lehre des Christenthums und imputirte jenem die gegensätzlichen, schlechtem Lehren. Es geschah dies hauptsächlich von der Zeit an, als nicht nur die politische Macht des Judenthums gebrochen und der nationale Bestand Israels durch die Römer vollends aufgehoben, sondern auch das Christenthum durch die Römer zu einer politischen Macht erhoben worden war. Sowol aus Haß gegen die Juden wie aus Freundschaft für die Röiner sing man auch damals erst an, die Kreuzigung Jesu fälschlich aus religiösen Gründen zu erklären und die Schuld daran den Juden aufzubürden. Die Evangelien des Neuen Testaments erhielten damals ihre specifisch-christliche und feindselig-jüdische Färbung. Sie wurden in damaliger Zeit nach vorhandenen Quellen und Ueberlieferungen mit der angegebenen Tendenz abgefaßt. Einen deutlichen Beweis und ein auffälliges Beispiel hierfür gibt uns gerade das Gesetz von der „Nächstenliebe". Da lesen wir in der sogenannten Bergpredigt (Matth. 5), worin die Gegensätze der alten und neuen Lehre hervorgehoben werden, im V. 43 bei dem Gebot der Nächstenliebe, welches man der alten Lehre zuerkennt und dem Judenthum nicht ableugnen kann, den Zusatz: „Deinen Feind aber sollst du hassen". Es ist dieser Zusatz lediglich nur in feindseliger Tendenz gemacht, und weder bei Moses noch den Propheten, in allen 24 Büchern des sogenannten „Alten Bundes" findet sich auch nur die leiseste Spur und Andeutung hiervon. Im Gegentheil heißt es ja ganz im Sinne von Matth. 5, 44, welcher Vers den Gegensatz zu der Lehre des „Alten Bundes" bilden und die vollendetere Lehre geben soll, auch in Prov. 25, 21 und 22: „Wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen, und wenn ihn dürstet, gib ihm zu trinken, denn feurige Kohlen sammelst du dadurch auf sein Haupt, uns Gott wird es dir lohnen" (vgl. Paul. Römer 12, 20) und ebenda. 10, 12: „Ueber alle Vergehen (deines Nebenmenschen gegen dich) decke den Mantel der Liebe." *) Die „Liebe" ist aber nicht blos principiell und der Lehre nach ursprüngliches Eigenthum des Judenthums, sodaß von „christlicher Liebe" als solcher nicht gesprochen werden kann, sondern sie ist auch in Israel ureigenes Lebensprincip geworden, sie beherrscht, wie sonst keine Idee der mosaischen Lehre, bis auf den heutigen Tag das praktische Leben Israels, das öffentliche wie das private. Das Princip ungetheilter und unbedingter Nächstenliebe ist Israel in der That sozusagen in Fleisch und Blut übergegangen, Liebesthätigkeit gegen den Nebenmenschen, den armen, kranken, todten, kennzeichnet das wahrhaft fromme und religiöse israelitische Leben. Israel übt diese Pflicht nicht blos als äußerliches Gesetz, sondern aus Grundsatz, mit Gefühl. Das liebevolle Zusammenhalten der Juden, ihr Wohlthütigkeitssinn, ihre Opferwilligkeit wird selbst christlicherseits als ein auszeichnender Beweis von Liebes¬ und Mildthätigkeit im Gegensatz zu den gerinnen Beweisen davon unter den ChriDn gerühmt. Und Israel übt diese Liebe ohne alle Beschränkung und Ausschließung auch gegen Christen. Juden errichten Stiftungen, testiren Vermächtnisse, vertheilen Almosen, geben Spen- *) Zum Beweis, wie die „Liebe" durchaus von Anfang an im Geiste des Judenthums gelegen, vergl. Ler:., 32, d: „Wer «Liebe» gegen die Menschenzeigt, beweist, daß er zu den Kindern Abraham's gehört." 17*