Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 257 (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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Ueber den „Gott der Rache" u. das „Princip der Liebe" im Judenthum. 257 sogar gegen den Freimaurer-Orden als einen Sonderbund gerichtet zu sein, indem man die Idee desselben als eine allgemein jüdische in Anspruch nahm. Der Ausdruck „Baumeister", bekanntlich ein torwinus teelinieu8 der Freimaurerei, ist daher ein Epitheton der Weisen und Schristgelehrten geworden (V. kl. 6itt. 7.?aui. uä Cor. 1,3,10).* *) Sogar diejenige Ansicht, welche mit der anzustrebenden Verbrüderung aller Menschen in zukünftigen Zeiten die Idee von der Hinfälligkeit aller konfessionellen Unterscheidungslehren verbindet, findet bereits im Judenthum ihren Ausdruck <Mää. 61, d). **) Ich wage, dies Alles auszusprechen — trotz des über den Freimaurer-Orden verhängten päpstlichen Bannspruchs, obgleich dieser in Rücksicht auf die Verwandtschaft mit dem Judenthum gar manchem um so berechtigter erscheinen möchte. Jedoch wirst Du die Frage aufwerfen, wie es komme, daß bei principieller Abstraction von allem Confessionell-Religiösen im Freimaurer-Orden religiöse Streitigkeiten auftauchen, daß man nicht blos eine Beziehung desselben zum Christenthum aufsuche, sondern sogar dessen Gegensatz zum Judenthum behaupte. Denn bekanntlich recurrirt der Freimaurer-Orden zu seiner Begründung auf eine der Bekenntnißschriften des Christenthums, das Evangelium Johannes. Wir bemerken also im Widerspruch mit der principiellen Abstraction von dem Confessionell-Religisen eine tendenziöse Hinneigung zu einer specifisch und konfessionell ausgeprägten Religion. Und was den Gegensatz zum könnte sich dieser Widerspruch auch auf den Kampf der Pharisäer und Sadducäer, der Volks- und Priesterpartei, beziehen, welche letztere sich rühmten, die „Gottesgelehrten und Mehrer des Friedens" von Beruf und Profession zu sein. *) T. H. Gitt. 7. Rabbi Seira lobte und nannte ihn „einen Baumeister des Gesetzes n^-2)". Paulus an die CorintherI,3, 10: „Nach der Gnade Gottes, welche mir gegeben ist, habe ich als «ein Weiser Baumeister (aocpö^ ä^DLx-r-cov)» den Grund gelegt; ein anderer aber «baut» darauf, ein jeder aber sehe zu, wie er baue." **) Nidd. 61, d: „Confessionelle Ceremonialgebote (7^22) hören in Zukunft auf, verpflichtend zu sein Hilberg's Jüustrirte Monatshefte. II, 4. — Januar 18 Judenthum betrifft, so ist dieser sowol in der engern Beziehung zum Christenthum eingeschlossen, wie in der weitverbreiteten Ausschließung der Juden von den Logen ausdrücklich ausgesprochen. Ja die Berufung auf das Evangelium Johannes scheint nicht blos in dem der Freimaurerei verwandten Mysticismus dieses Evangelisten, sondern ebenso gut in dessen ausfälliger Gegensätzlichkeit zum Judenthum gesucht werden zu müssen. So begreift man, wie selbst auf dem Boden der Freimaurerei die religiöse, ja theologische Streitfrage über den Rachegott der Juden und das unterscheidende Princip der Liebe im Christenthum auftauchen konnte. In alledem liegt der Beweis, wie wenig Boden die Grundidee der Freimaurerei eigentlich in den Herzen, der Denk- und Handlungsweise der Brüder hat. Ich meine nicht, daß hierin irgendwelche, zumal persönliche, Böswilligkeit zu suchen sei. Die Menschen treten eben mit ihren alten, anerzogenen und angewöhnten Anschauungen in den Orden. Dadurch erklärt sich auch die allmähliche Verschriftlichung desselben, obgleich auch ich die principielle Abstraction des Ordens von dem Confessionell-Religiösen nicht so verstehe, daß der Mensch für sich seine Religion oder auch nur sein religiöses Bekenntniß aufzugeben habe, sondern nur, daß er die konfessionellen wie socialen Unterschiede andern Menschen gegenüber nicht geltend mache. So entspricht es auch den Grundsätzen des Judenthums. Trotz des Bewußtseins, daß es bestimmt ist, Eigenthum der ganzen Menschheit zu werden, findet dasselbe doch zunächst nur unter seinen ursprünglichen Bekennern Pflege. Es ist weit entfernt, auf gewaltsamem Wege Propaganda zu machen; vielmehr vertraut es darin der ruhigen Entwickelung und der sich allmählich ausbreitenden Ueberzeugung. Dieser Anschauung entspricht es denn auch, daß das Judenthum gegen den Andersdenkenden, der doch immer Bruder ist, nicht Verfolgung vorschreibt, sondern Duldung, ja Liebe und Gleichberechtigung (Lev. 19, 34; 24, 22).*) *) Lev., IS, 34: „Wie der Einheimische 17