Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 255 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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Der Schlüssel. 255 willst." Und nun erzählte ihr Kumpel den Vorgang auf der Brücke, da sie den Geistlichen getroffen, den weitern Vorgang im Wald, wo Felix von dem Bauerburschen mit dem Strick mißhandelt wurde und endlich, was sich hernach zu Hause in der Wohnung des Schames am folgenden Tage ereignet. „Wenn ich", schloß Gumpel seine Erzählung, „damals dein' Vater hält' in ein' Eßlöffel Wasser ertränken können, so hätt' ich ihn ertränkt, so eine «Sinne» (Haß) Hab' ich auf ihn gehabt; denn er hat mir zu Haus' das Leben verbittert. Damals Hab' ich nicht gedacht, was ich mir heut' denke, und seit dem Tag, an dem ich dich aus Löb Frank's Haus sortgeführt, Hab' ich auch gar kein' Haß mehr gegen ihn; du hast das alles ausgelöscht." Rösele spielte bei dieser Erzählung Gumpel's alle Farben. Schnell hatte sie den ganzen Zusammenhang überblickt; es war ihr klar, daß sich eine ähnliche und noch heftigere Scene, wie in des Schames Hause auch in Löb Frank's Hause muß abgespielt haben, und daß dieselbe auf Felix als auf eine zarter organisirte Natur in so erschütternder Weise gewirkt habe, um ihn aufs Krankenbett zu werfen. Wie wird ihm mein Vater das jemals abzahlen, fragte sie sich in Gedanken, und wenn er's nicht thut, wie werd' ichs? Sie fühlte sich von einer Schuld belastet, ohne daß sie etwas dafür konnte, ohne daß sie sich vergangen hatte. Nachdenklich ließ sie den Kopf hängen und erwachte erst aus der wehmüthigen Träumerei, als Gumpel nach längerer Pause — denn erst wagte er es nicht, sie zu stören — sich an sie mit der Frage wendete, was ihr denn fehle, da sie plötzlich ganz traurig geworden sei; worauf sie erwiderte: „Nichts, und es ist schon vorüber und alles ist wieder ganz gut." Hierauf war sie wieder heiter wie zuvor, und sie scherzten und lachten miteinander über dies und über jenes, sie mischten sich wieder mit der andern Gesellschaft, wo allerhand Narrenspossen getrieben wurden. Rösele nahm an allen Spielen und Unterhaltungen mehr theil als gewöhnlich. Sie that dies absichtlich, um hinter dem Schein der Fröhlichkeit und des Leichtsinns ihre heftige Gemüthsbewegung den Augen der Gaffer zu verbergen; dies gelang ihr jedoch schlecht; und so klug sie auch war, hierin hatte sie sich doch verrechnet; denn ihre Laune hatte etwas Gemachtes uno Erzwungenes, und wer halbwegs ein Kenner war, dem könnt' es nicht entgehen, daß ihr das Weinen näher war als das Lachen. In der Thal flüsterte man sich auch bald in die Ohren, daß zwischen den beiden heute etwas Wichtiges müsse vorgefallen sein. Einige meinten naseweis, es würde nichts anderes sein als ein förmlicher Heirathsantrag von seiten Gumpel's und die Ueberzeugung von seiten Rösele's, daß ihr Vater hierein nicht willigen werde. Jeder legte sich die Sache nach seiner Weise aus, unausgelegt ließ sie keiner und keine, so viele ihrer auf dem grünen Rasen versammelt waren. Als man endlich des Abends gemeinschaftlich den Rückweg antrat, da wäre jeder einzelne gern vorausgeeilt, um zuerst die wichtige Neuigkeit, die sich nachmittags beim Spaziergehen ereignet, in der „Gasse" zu verbreiten; allein sie standen mit geöffneten Mäulern da vor dem, was sie hier erfuhren. Denn in demselben Augenblick, als sie ankamen und das Rü'del — denn es war ja wieder Samstag — passirten, sagte Reb Sawel Kornmehl zu Bärl Lederer triumphirend: „Jetzt, Reb Bär, Hab' ich meine «Nekomeh» (Rache) an euch; und jetzt werdet ihr sehen, daß ihr unrecht habt; denn Reb Löb Frank's Sohn wird sich als Doctor heraussetzen, und schon in der nächsten Woch' zu Gesund wird er dasein. Ich Hab' g'rad' jetzt bei Reb Löb Frank oben den Brief von Felix gelesen, wo er den Aeltern anzeigt, daß er sich dazu entschlossen hat. Jentel hat vor «Simcheh» (Freude) geweint, daß sie ihn jetzt wieder hier bei sich haben wird; denn es ist doch kein Spaß das, alle »Beff» (Augenblicke) auf Wien zu fahren. Wenn ihr's aber nicht glauben wollt, so geht nur selber hinauf