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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1866-01-01 · Heft 4 (Januar 1866) · p. Seite 249

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 4 (Januar 1866)
Date
1866-01-01
Page
Seite 249 (sequence 9)
Language
German
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Der Schlüssel. 249 VIII. Eine Ueberraslhung. Bärl Lederer war gerade kein unangenehmer Mensch, es ließ sich mit ihm schon auskommen; aber wenn man meinte, man habe ihn am „Schnürt", dann hatte man ihn erst recht nicht, denn er ging seinen eigenen Weg; was er sich einbildete, das hielt er für ausgemacht, und was er für ausgemacht hielt, daran ließ sich nicht rütteln. Als er noch jung war, hat man ihm viele „Schiduchim" (Partien) geredet, denn er war der Sohn bemittelter Aeltern und hat sich im Geschäft ausgekannt. Er aber hat keinem „Schadchen" (Vermittler) zugehört, denn er sagte: „Ich muß schön Pessele kriegen!" Aber nichts Aergeres konnte man ihm anthun, als wenn man ihm erzählte, daß sich jemand verliebt haoe; denn wie er sagte, ist er gar nicht verliebt gewesen in schön Pessele, sondern er ist darauf bestanden, sie zu bekommen, weil er es gerade so gewollt hat. Pessele ist wirklich einmal eine große Schönheit gewesen, aber er hat nicht lange mit ihr gelebt; denn einige Jahre nach der„Chassene" (Hochzeit) ist sie gestorben. Nun haben sich die „Schadchonim" (Ehevermittler) wieder über Bärl Lederer hergemacht; denn sie glaubten an ihm keinen schlechten Braten zu haben. Er aber hat wieder keinem zugehört, sondern er sagte: „Pessele soll in «Genedem» (Paradies) ruhen, und solang' ich leb', Hab' ich mein Rösele; die ist ihr wie aus die Augen herausgeschnitten. Ich könnt' das Kind gar nicht ansehen, wenn ich ihr eine Stiefmutter ins Haus hereinnehmen möcht'. Wartet mir mit eure «Schiduchim» bis mein Rösele zu Gesund eine große Mad sein wird, dann könnt ihr für mein' Rösele einen «Chossen» (Bräutigam) herassuchen; aber jetzt laßt mich «Menuche» (in Ruhe)." So wuchs Rösele auf ohne mütterliche Pflege und streng genommen ohne Erziehung; sie hat sich, wie Felix, eigentlich selbst erzogen. Bärl Lederer hat das Kind sehr gern gehabt, aber viel umsehen konnte er sich nicht auf sie. denn er mußte sein Geschäft versorgen. „Und soll ich ihr «efscher» (vielleicht) wie die Neue-Mode-Leut' in Wien eine «Kuperenant« (Gouvernante) aus Paris verschreiben?" fragte er, wenn man ihn darüber belehren wollte, „das versteh' ich besser." Freilich hätte Rösele verwahrlost werden können, aber die schutzlosen Kinder stehen, wie Bärl Lederer sagte, in Gottes besonderem Schutz, und Gott nimmt sich der„Jessoimim" (Waisen) selbst an. In Wahrheit hatte die Natur das Kind mit allen schönen Gaben ausgestattet. Sie hat dem Rösele ein gutes Gemüth gegeben, und das Mädchen war nicht nur schön, sondern auch gut und gescheit. Niemand hat ihr etwas zu sagen gebraucht. Vielleicht ist ihr in ihren Träumen Pessele erschienen und hat ihr gesagt, was sie thun und was sie lassen soll, meinten die Leute. Genug, sie wußte es. Wenn der „Schames" Freitag Abend in Schul gerufen hat, deckte sie den Schabbestisch und deckte für drei Personen. Dann sagte sie zu Bärl Lederer: „Du kannst auf Schabbes einen «Oirech» (Gast) mit nach Haus nehmen; ich Hab' für einen mehr gekocht. Das hat sie frei gethan, sodaß es Bärl Lederer sehen konnte; was sie aber erst hinter seinem Rücken gethan hat, das war noch viel mehr, und davon wissen die armen Leute, besonders die „Almoneh's" (Witwen) zu erzählen, denen sie heimlich Geld und Speisen zusteckte; denn sie konnte es nicht sehen, daß jemand in der Gemeinde Hunger leide. Gegen die „Orchim" (Gäste), die an ihrem Tisch gespeist hatten, war sie sehr liebreich und hat mit ihnen gesprochen wie eine Erwachsene. Nach allen möglichen Dingen hat sie dieselben ausgefragt, und da diese in der Regel viel in der Welt herumkommen und daher auch viel zu erzählen wissen, so häufte sich Rösele nach und nach einen großen Schatz von Lebenserfahrung an und wußte Bescheid über Dinge, daß man darüber staunen mußte; denn man konnte sich nicht erklären, woher sie das alles weiß und wie sie so gescheit „da her" reden kann. Besonders im Ausfragen hat sie sich dadurch eine so

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