Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 4 (Januar 1866)
- Date
- 1866-01-01
- Page
- Seite 243 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Schlüssel. 243 auf Schabbes in die „Khille" zurück,! um diesen im Familienkreise zuzubringen. Freitag Abend geht man feierlich gekleidet in Schul, singt mit dem Chasen „Lecho dodi", jenen schönen Gruß, mit welchem die Prinzessin Sabbat wie eine Braut empfangen wird. Zu Hause hat die fromme Hausfrau unterdessen die siebenzackige Oellampe angezündet und den Tisch weiß gedeckt. Fleisch, Wein und Fisch erquicken dann bei der lieblichen Mahlzeit, und am andern Morgen eilt jeder, sobald der Schames ruft, zum „Schachris", d. i. zum Morgengebet. Nach kurzer Pause, während welcher man entweder die „Sedre maiwer" ist (den Wochenabschnitt liest) oder einen kurzen Besuch macht, ertönt wieder der Ruf des Schames, und sie begeben sich zum„Musseph", das ist so viel wie in der Kirche ein Hochamt. Der Mittag naht heran, der Tisch, der den ganzen Tag über gedeckt bleibt, wird zur zweiten Mahlzeit gerüstet; es dampft auf demselben jene edle Götterspeise, welche Heine der „Freude" in Schiller's Hochlied zu substituiren willens ist — das „Schalet". Nach dem Essen legt man sich schlafen. Kein Wunder und keine Faulheit; denn man ist von der ganzen Woche her ermüdet und darf sich heute ein weirig Ruhe gönnen, lind am Schabbes" ist jeder in seinem Hause wie ein König, wo er schalten kann, wie es sein Herz begehrt. Nachdem man aber auch den erquickenden Schlummer genossen, dann stopft inan sich die Taschen mit ausgeschwellten Erbsen oder Kürbiskernen, und dann tritt der eine nach dem andern in Hemdsärmeln, so wie er ist, oder auch im Rock, wenn er sich sonst etwas zu vergeben meint, je nach der Anschauung eines jeden, vor die Thüre, und es versammelt sich das Rä'del. Dies ist kein Verein, der bestimmte Zwecke verfolgt, keine Versammlung, die ihre ordentlichen Mitglieder und Vorsteher Hütte, sondern es ist eben das Rä'del. Lange bevor in den Zeitungen die Frage über das Associationsrecht erörtert wurde, hat es bestanden; und wenn alle Parlamente der Welt auseinandergesprengt würden, es würde fortdauern, denn es ist eben etwas ganz anderes, es ist das Rä'del. Es steht kein Gegenstand aus der Tagesordnung, und doch werden Dinge von größter Wichtigkeit verhandelt. Es herrscht die größte Redefreiheit. Bei der autonomen Verfassung, deren sich die jüdischen Gemeinden von jeher zu erfreuen hatten, ist das Rä'del eine ganz natürliche Consequenz. Tenn was auf „Kohlshaus" (Gemeindehaus) ausgemacht wird, das ist nur dann der Ausdruck des Gemeindewillens, wenn es früher im Rä'del ausgekocht worden ist. Die freie Art und Weise der Behandlung macht es, daß diese Versammlungen init größtem Vergnügen besucht werden, weil hier ja alles in den Kreis der Besprechung gezogen werden darf: neben den wichtigsten Gemeindeangelegenheiten der kleinlichste Privatklatsch, neben einer neuen Vorstandswahl z. B. die Liebesangelegenheiten junger Heranwachsender Mädchen, oder gar die culinarische Virtuosität dieser oder jener Nachbarin, zu deren Erörterung die ausgeschwellten Erbsen, die zum Zeitvertreib und als Würze der Unterhaltung gegessen werden, nicht selten Gelegenheit darbieten; denn nicht jede Hallsfrau versteht die Kunst des Ausschwellens in gleichem Grade, und es kommt nicht wenig darauf an, ob die Hülse glatt oder faltig in unzähligen Polygonchen die innere Frucht deckt. Wie schon gesagt, es ist eben das Rä'del, kommt her von Rad und wird so genannt, weil dabei die Anwesenden, Männer und Frauen, im Kreise, also im Rad, herumstehen. Es war am Sabbat Nachmittag, und sie standen wieder da wie gewöhnlich und machten ihre Bemerkungen und Glossen über An- und Abwesende, wie es eben das Gespräch ergab, nach Herzenslust. Jetzt beschäftigten sie sich gerade mit dem Rabbiner. „Weil ich werd' leben, wie unser Row heut' gesagt hat", bemerkte Mechol Pradenik, der sich gern das Ansehen eines Kenners gab, „das heißt, eine «Drösche« (Predigt) geführt, ich 16*