Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-12-01 · Heft 3 (Dezember 1865) · p. Seite 238

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 3 (Dezember 1865)
Date
1865-12-01
Page
Seite 238 (sequence 78)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2417805-2417813-2417816--757-2418599
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

238 Jllustr. Monatsh. für die ges. Miscellk. „Die Asrikanerin", von Maycrbccr.*) Erste Aufführung im Opernhaus in Berlin. Die erste Aufführung einer großen Oper ist immerhin ein bedeutendes Ereignis;, doppelt bedeutend wenn ihr Tonschöpfer der Welt entschwunden ist, bevor noch sein Werk zur Darstellung gelangt, bevor er noch für dasselbe denjenigen Lohn errungen hat, den alle, die mit dem Geiste schaffen und in dem Geist leben, für den höchsten Lohn alles Schaffens und alles Strebens erkennen, bevor er dafür den Ruhm geerntet hat und einen Zweig von dem Lorber, der auf dem Grabe Virgil's wächst und, nimmer verdorrend, in ewig grüner Frische auf dem Grabe das ewige Leben erblühen läßt. Ein solcher Lorberzweig, der aufblüht aus dem Grabe des staubgeborenen Unsterblichen, ist Meyerbeer's „Afrikanerin", das letzte Werk des großen Maestro und eines seiner edelsten, seiner innerlichsten und gedankentiefsten. Ich spreche nur von Meyerbeer's Musik, nicht von dem Libretto, das fast abgeschmackt zu nennen ist, und in welchem mit Geschichte und Geographie auf eine Weise umgesprungen wird, wie sie nur dem Leichtsinn und der Willkür eines Franzosen möglich ist. Indessen, was kümmert uns die Wahrheit der Geschichte und Geographie gegenüber diesem Textbuch des Herrn Scribe? Fragen wir nicht danach, was äußerlich wahr ist an dieser „Afrikanerin", sondern forschen wir nach der innern Wahrheit, nach der Seele, welche der Eomponist, der Genius, in diese äußere hohle Form hineingetragen hat. Nehmen wir also den Text, wie er ist, und überlassen es andern, seine Schwächen und Abgeschmacktheiten zu bekritteln und darzulegen. Was hat Meyerbeer gemacht aus diesem Text, wie ist der Eindruck des großen Tongemäldes, das sich in fünf Acten vor uns aufrollt? Darauf kommt es an, nicht auf den Text an und für sich. Meyerbeer hat die seelenlose Form beseelt, er hat ihr Leben, Leidenschaft, Wärme und Glut gegeben. Wie die Elemente, so kämpfen die Leidenschaften gegeneinander in dieser Oper, Liebe und Haß im ewigen Ringen, und die Liebe endlich sich zur Verklärung emporschwingend, zur ewigen Harmonie, zum ewigen Licht! Der erste Act beginnt im Nathssaale der Admiralität zu Lissabon. Ines, die Tochter des Admirals Dom Diego, von den: Vater hierher beschieden, singt, erwartend, in Erinnerung an den fernen Geliebten Vasco de Gama, den „Marine-Officier", das Lied, das Lebewohl,. das er ihr zum Abschied gesungen. Wie süß das tönt, wie klagend und zitternd, voll wehmüthiger Verehrung, die Violinen den Gesang begleiten! Man fühlt schon das nahende Unheil, die Schwüle der Atmosphäre, „Allgemeine Zeitung", 196',, Nr. 329. Interessen des Judenthums. den heißen Kampf der Leidenschaft. Und gleich auch bricht das Unheil herein. Der Vater Admiral kommt, meldet der Tochter den Untergang des Geschwaders, welches Bartolomeo Dias geführt, und mit welchem auch der geliebte Vasco de Gama gegangen; er befiehlt ihr zugleich, den Gemahl welchen der König ihr bestimmt, Dom Pedro, zuheirathen. Ines antwortet nur mit leiser Schmerzensklage, das „Lebewohl" des Geliebten seufzt und wimmert ahnungsvoll aus allen Instrumenten, dann aber fallen schmetternd die Trompeten und Pauken ein, denn die Kriegerscharen kommen in den Rathssaal, die Posaunen und Hörner; unter den feierlichen Klängen treten die Bischöfe und Mönche ein. Das Gebet, mit welchen; der Großinquisitor die Sitzung eröffnet, und in welches der ganze Chor der Mönche und Krieger einstimmt, ist von großartiger Wirkung, ein würdiges Seitenstück zu dem Mönchschor im ersten Act der Hugenotten. Es folgt nun die große Scene, wo Vasco de Gama als der einzig Gerettete von den; Geschwader des Dias erscheint, Bericht erstattet über seine Fahrt und vom hohen königlichen Rath begehrt, daß er ihm ein Schiff bewillige um damit eine neue Entdeckungsfahrt zu machen nach dem unbekannten Lande jenseit Afrikas. Daß dieses Land existire, davon ist Vasco de Gama fest überzeugt, und des; zum Beweis bittet er, zwei Sklaven vorstellen zu dürfen, welche er in Afrika auf dem Sklavenmarkt gekauft, und deren „bräunlichgelbe Farbe ein unbekanntes Volk verräth". Der hohe Rath läßt die Sklaven rufen, und unter den eigentümlichen Klängen der Glöckchen und Triangel, der Becken und Trommeln erscheinen die beiden Sklaven, Neluseo und Selica, die Asrikanerin, an welcher das afrikanisch ist, daß Vasco de Gama sie in Afrika gekauft hat. Denn daß sie keine Afrikanerin ist, sondern aus einem unbekannten Lande hinter Afrika herstammt, gerade das will Vasco de Gama an ihrer Hautfarbe und Gesichtsbildung beweisen. Aber Nelusco, ihr Begleiter und Diener, beschwört heimlich Selica, seine Königin, nicht ihr Land und ihr Volk zu verrathen: „Du bist doch Königin, trotz der Ketten und Bande! Königin!" Nelusco singt es ihr leise zu, und die Instrumente, eines nach dem andern, nehmen es leise auf und flüstern und murmeln und singen es nach: „Königin, o Königin." Und „Königin" flammt es aus- Selica's Augen, aus den stolzen Worten die von ihren Lippen tönen. Sie weigert sich, ihre Heimat anzugeben; der hohe Rath weigert sich dem Vasco de Gama ein Schiff zu seiner Entdeckungsreise zu verwilligen. Der flammt auf in Zorn, wirft den scheinheiligen Priester;;, den zaghaften Kriegern seine Verachtung höhnend ins Angesicht; in wüthendem Streit erheben sich die Parteien, und in ungeheuer;; Tonwellen wogen die Leidenschaften auf. Mit der Verhaftung des Vasco, dem fanatischen Triumphgesang der Priester endet der erste Act.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.