Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1865)
- Date
- 1865-12-01
- Page
- Seite 237 (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Tagesgeschichte. 237 gebend sind. Besonders schmeichelhaft für die Anhänger der neuen Religion ist das gerade nicht, denn Schloß Zwölfaxing birgt bekanntlich eine Heilanstalt — für Blödsinnige. Jndeß ist das Geschmackssache. „Was aber bildet das Wesen, den Kern der Cogitantenlehre? Im Briefkasten der Zeitschrift gibt der Gründer folgende bündige Definition: «Eine wohldisciplinirte Bekenntnißlosigkeit mit einheitlichem Cultus und einheitlicher naturalistischer Grundlage.» Die Erklärung erinnert den Ungeweihten etwas an die Proletarierforderung in den «Fliegenden Blättern»: «Wir wollen eine Republik mit dem verstorbenen Großherzog als lebenslänglichem Präsidenten.» Kein Bekenntnis; und dennoch Cultus, das begreift eben nur der Geweihte. Und der Cultus der Cogitanten ist gar nicht so einfach, als man meinen sollte. Er bedarf einer eigenen «Andachtshalle», in welcher allsonntäglich Orgelspiel und Gesang einen erbaulichen Vortrag, z. B. über Löwenthal'sche Schriften, einleiten sollen. Der «Cultmagistrat», in welchen auch drei weibliche Mitglieder — warum gingst du in ein Kloster, Gräfin Jda? — von der schönen; Hälfte der Gemeindeglieder gewählt werden dürfen, hat jedoch nicht nur die rituelle Sonn- und Festtagsfeier zu überwachen, sondern auch als Schiedsgericht in Streitigkeiten aller Art zu fungiren und jene Dramen zu beurtheilen, welche an den drei Jahresfesten in de.r «Andachtshalle» gegeben werden sollen. Verkannte Dramendichter Deutschlands, werdet Cogitanten und reicht den Bewohnern von Zwölfaxing die Bruderhand! „Ueber den Cultmagistraten der einzelnen Gemeinden thront in der Hierarchie der Cogitanten das «Cultprüsidium». Es besteht aus drei Präsidialräthen für Cultuswesen, Erziehungswesen und sociale Mission, und dem Cultpräsidenten. Welche Geistesbildung die Mitglieder dieses obersten Collegiums besitzen sollen, sagt 1B-. Löwenthal nicht; dafür schreibt er aber mit der Genauigkeit eines Schneiders ihren Ornat vor. Sie tragen einen langen schwarzen Camelotrock mit stehendem schwarzen, goldgestickten Sammtkragen, dazu ein blaues Sammtbarett. welches bei den; Cultpräsidenten mit einer Doppelreihe von goldenen Sternen geschmückt ist. Hr. Dr. Löwenthal trägt wahrscheinlich eine Hausmütze von blauem Sammt mit goldener Troddel. Daß man ihn und nur ihn zum «Cultpräsidenten» wählen kann, liegt auf der Hand. Wird er aber Cogitantenpapst und trägt er erst das blaue Sammtbarett mit den zwei Reihen goldener Sterne auf seinem Haupt, dann hat er das Ziel seines Lebens erreicht — man wird von ihm sprechen. „Vielleicht interessirt es eine oder die andere Leserin, wenn wir ihr den künftigen «Cultpräsidenten» beschreiben. Es ist ein kleiner, schwarzhaariger Mann von gelber Gesichtsfarbe und ausgeprägten; semitischen Typus. Er lebte, ehe er nach Berlin übersiedelte, im gesegneten Rheingau, wo aber seine Neben nicht recht wachsen wollten. Ein Liebeshandel, den er dort mit der Frau eines bekannten Redacteurs durchspielte, gab zu vielen «Cogitationen» Veranlassung. Wir erwähnen das nur, um Löwenthal's Mission zu beweisen; denn Neligionsstifter sind gewöhnlich dem schwächern Geschlecht hold und üben eine besondere Gewalt über dasselbe aus. Gewiß war auch das weibliche Element in der Gründungsversammlung, die für den 22. Oct. einberufen war, in imposanter Stärke vertreten. Im Augenblick, wo wir diese Zeilen schreiben, kann vr. Löwenthal vielleicht das blaue Sammtbarett mit den zwei Reihen goldener Sterne schon aufsetzen und als Kirchenoberhaupt durch die Straßen von Berlin wandeln. Er ist dann glücklicher als sein Vorgänger, der Ueberzeugungs-Proteus Daumer in der nürnberger Mansarde, der auch vor Zeiten eine neue Religion stiften wollte. Der Cogitant wird übrigens in der — Stallschreiberstraße in Berlin gedruckt. -In der Tiefe keimt das Hohe», sagt I)r. Löwenthal in seinen «Anthropologischen Parcellen >. Bildende Kunst. Am 20. Nov. gelangte in Wien unter der Direction von. Miethke u. Wawra die zweite Abtheilung der Baron von Pasqualatischen Kupferstichsammlung zur Versteigerung, welche wieder eine Menge auf das Judenthun; bezüglicher Blätter brachte. — Besonders merkwürdig war ein als Concert-Cintrittskarte in London im 17. Jahrhundert verwendeter Stich Bartollozi's nach B. West: „Jonas ans Land gesetzt". Es ward dort damals nämlich eine Symphonie „Jonas" gerade ein unzählige mal wiederholtes „Zugstück". Ferner heben wir hervor das Porträt des Ephraim Bonus, „berühmter jüdischer Arzt", nach Jan Lieven's Kapitalblatt in ausgezeichnet schönem, altem Abdruck. Eine große Zahl biblischer Gemälde, mitunter von hervorragenden Meistern, sowie unbedeutendere Nummern Lassen wir unerwähnt. Nur eines Porträts Moses Mendelssohns nach I. C. Frisch, gestochen von Joh. Gotth. Müller, erwähnen wir der Schönheit des Abdrucks wegen. Theater und Musik. Zum Director des brünner Theaters wurde Herr vr. pick!. Adolf Frankel ernannt. Herr E. Dohm, Redacteur des „Kladderadatsch" wurde Dramaturg des Victoriatheaters in Berlin. *) Bgl. 1. Band, Heft.