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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-12-01 · Heft 3 (Dezember 1865) · p. Seite 233

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 3 (Dezember 1865)
Date
1865-12-01
Page
Seite 233 (sequence 73)
Language
German
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Zur Tagesgeschichte. 233 lich, daß ein solcher Mann, der seines eigenen Stammes größter Widersacher war, bei den Bach und Thun eine, wenn auch nicht gerade beliebte, so doch sehr brauchbare Persönlichkeit war. Diesen Gönnerschaften hatte auch Herr Deutsch jene allerhöchsten Auszeichnungen, wie den Titel eines k. k. Hofwechslers u. s. w., zu danken, die ihm verliehen wurden, obschon es, wie von glaubwürdiger Seite erzählt wird, seinerzeit der damalige Polizeipräsident F. M. L. Kempen mit seinem ganzen Einfluß versuchte, diese ehrende Titelverleihung an Herrn Deutsch zu Hintertreiben. Vergebens referirte damals Herr v. Kempen, daß es doch nicht gut angehe, einen Falliten in solcher Weise auszuzeichnen, der bereits früher einmal seine Gläubiger mit der winzigen Ausgleichungsquote von nur 5, sage fünf Percent befriedigte und infolge dessen ein altes bürgerliches Handlungshaus, das beinahe ein halbes Jahrhundert lang als Ehrenfirma auf dem Wiener- Platz bestanden (die Spezereiwaarenhandlung M. Ganser, die früher auf dem Nabenplatz eristirte), an den Bettelstab brachte-es nützte alles nichts! Sogar Herr v. Kempen's damals gewiß großer Einfluß war ohnmächtig gegenüber der vereinten Allgewalt der damaligen Machthaber. Und auch bei seinem diesmaligen Falliment hat dieser Herr Deutsch wieder mehr wie einen braven Familienvater unglücklich gemacht. Ganz besonderes Interesse erregt eine stadtbekannte Persönlichkeit, ein Ehrenmann, den gleichfalls Herr Deutsch mit ins Verderben gerissen, und der gewiß ebenso viel und allgemeines Mitleid und Theilnahme erweckt, als Herr Deutsch beides nicht findet. Es ist dies der eine Associe der durch den Sturz des Herrn Deutsch gleichfalls insolvent gewordenen Firma Gomperz, Popper u. Eomp. Dieser Herr Gomperz verdient mit vollstem Recht den Ehrennamen eines — jüdischen barmherzigen Bruders. Ein einfacher Kaufmann, selbst ohne Vermögen, fast ohne Bedürfnisse, hat dieser Herr Gomperz den größten Theil dessen, was er die Woche über im Schweiß seines Angesichts verdiente, an die Armen verschenkt. Jeden Sonntag aber, oder wenn er sonst eine freie Stunde hatte, ging dieser brave Mann von Haus zu Haus bei seinen Glaubensgenossen betteln, um arme Leute mit Winterholz und ähnlichen dringendsten Lebensbedürfnissen betheilen zu können. Man kann sich billigerweise wol darüber 'verwundern, daß Herr Deutsch Vater in einem an seine Gläubiger erlassenen Circular erklärt: er selbst habe keineAhnung davon gehabt, daß sein Sohn an der Börse spiele! .. . Dieser selbe Sohn hatte aber auch die Procura der Firma. Ein Vater, der seinem Sohne die unbeschränkte Procura ertheilt, muß entweder denselben so genau kennen, daß er weiß, ob der Sohn an der Börse spielt — oder im andern Fall setzt sich ein solcher Vater dem gerechtesten Vorwurf aus. Aber schon zugegeben, daß Herr Ignaz Deutsch das Unglück hatte, von seinem Sohne ruinirt zu werden, so ist speciell bei Herrn Deutsch die Bemerkung am Platz, daß ein Mann, der sich aufwirst, der moralische Leiter und Erzieher einer ganzen Religionsgenossenschast sein zu wollen, daß ein solcher Mann mindestens in der Lage sein muß, für die sittliche Erziehung seines Sohnes einstehen zu können." Zu der Ernennung des Hrn. Alderman Philipps, unseres Glaubensgenossen, zumLord- Hahor von London, macht die „Gartenlaube" folgende Bemerkungen: „Zur höchsten Magistratswürde des britischen Reichs, zur Würde eines Lord-Mayors von London, wurde am 29. Sept. der Alderman Philipps gewählt. Die große, reiche, erleuchtete und unabhängige Körperschaft der City Londons hat sich nicht gescheut, einem Manne Macht und Einfluß zu übertragen, welcher vor etwa fünsunddreihig Jahren als deutscher Schneidergeselle nach London gekommen, vor dreißig Jahren noch daselbst mit Glas hausiren gegangen war und nun als Lord-Mayor einen Einfluß übt, um welchen so mancher Fürst ihn beneiden möchte. Philipps unternahm später ein Geschäft mit Stickwolle, erwarb dabei ein großes, ja ungeheueres Vermögen und wußte nicht nur durch die allmählich nachgeholte Bildung, sondern auch durch seine geschäftliche Noblesse und Gewissenhaftigkeit, durch seine mercantile und communale Intelligenz so sebr die Achtung zu gewinnen, daß die größte Corporation des Königsreichs ihm den höchsten Beweis des Vertrauens gab, als sie ihn mit einem Amt betraute, das zuweilen an Wichtigkeit den Obliegenheiten eines Gesetzgebers gleichkommt. Philipps ist aber nicht nur ein Deutscher, sondern auch ein Jude, und dieser Triumph der Humanität ist um so höher anzuschlagen, als es noch nicht hundert Jahre her ist, als die City das Parlament nöthigen wollte, die Toleranz-Acte zu widerrufen und den Juden die Naturalisation zu verweigern. Nach drei Generationen feiert die bürgerliche und religiöse Freiheit ihren Triumph und die City verleiht einem Juden und Deutschen die höchste Würde, die sie zu vergeben hat. Den 29. Sept. 1355 sah London den ersten Juden und nach zehn Jahren den ersten deutschen Juden als — Lord- Mayor." Im 4. Hefte dieses Bandes bringen wir Porträt und Biographie des neuen Lord-Mayor. Gestorben: Am 3. Nov.: Hr. Jakob Nathan Heinz, Cantor in Potsdam. Er versah sein Amt durch 26 Jahre mit außerordentlicher Pflichttreue. Gemeinde-, Cnltus-, Schul- und vereinsangelegenhelten. In Levbschütz (Preußen), wo erst seit kurzem eine jüdische Gemeinde von 170 Personen

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