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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-12-01 · Heft 3 (Dezember 1865) · p. Seite 229

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 3 (Dezember 1865)
Date
1865-12-01
Page
Seite 229 (sequence 69)
Language
German
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Zur Judenfrage in Ungarn. 229 zu consumireu. Die heimatlichen Bodenerzeuguisse haben sich mithin in der Folge zur Befriedigung der mannichfach gesteigerten Lebensbedürfnisse der Laudesbevölkerung als unzulänglich erwiesen. Um den Ansprüchen einer verfeinerten Lebensweise zu genügen, müssen zur bisherigen Agrikultur noch andere mächtige Faktoren hinzutreten: die Industrie und der Handel. Letztere haben die Aufgabe, die heimatlichen Produkte möglichst hoch zu verwerthen, um so die Beschaffung jener Summen zu ermöglichen, die unsere heutige Lebensweise unbedingt erheischt. Diese in neuerer Zeit auch bei uns erweckte Genußsucht und die in deren Folge eingetretene Nothwendigkeit, die eigenen Erzeugnisse zum Theil gegen ausländische umzutauschen, dürfte innerhalb der Grenzen einer klugen Mäßigkeit dem Lande um so weniger nachtheilig werden, als die heimatliche Konsumtion bekanntermaßen zu der enormen Productionsfähigkeit des Bodens in keinem entsprechenden Verhältnis; steht. Die Nothwendigkeit des Exports heimatlicher Erzeugnisse er- 'wies sich bereits vor undenklicher Zeit als eine entschieden unabweisbare; es handelt sich blos darum, den Export mit dem Import in ein entsprechendes Gleichgewicht zu bringen. Es ist nicht genug, die inländischen Produkte dem auswärtigen Weltmarkt zuzuführen; es muß in erster Linie darauf Rücksicht genommen werden, den Werth derselben durch angemessene kommerzielle Verbindungen sowol, als durch eine zweckmäßige industrielle Verarbeitung mindestens in dem Grade zu erhöhen, daß die Kosten unserer Bestellungen an auswärtigen Natur- und Kuustproducten unsere diesbezüglichen Einnahmen nicht übersteigen. Solange dies nicht geschehen, entbehrt unsere Agrikultur selbst des wahrhaften Segens. Mit Einem Wort: Das Interesse unserer Heimat erheischt unbedingt eine lebhafte, vielseitige Entwickelung der industriellen und kommerzielle u Verhältnisse. Bis vor kurzer Zeit vom Bodenbesitz ausgeschlossen, haben sich die Juden dieser letzter,: Doppelmission mit vielem Glück unterzogen, weshalb diese wie in andern Ländern auch hier als Förderer der Industrie und Hauptträger des Handels bezeichnet werden. Sie sind es vorzüglich, die in die todte Masse angehäufter Produkte frisch pulsirendes Leben gebracht, indem selbe der kommerziellen Thätigkeit des Landes zu einem bedeutenden Grade des Aufschwungs zu verhelfen gewußt. Minder günstig steht's heute mit der Industrie Ungarns; diese liegt noch immer in den Kinderwindeln. Was auf diesem Gebiet trotzdem geleistet wird, ist kaum irgendwie geeignet, die Coneurrenz mit dem industriellen Auslande mit einigem Erfolg auszunehmeu. Alle bisherigen Kunsterzeugnisse unserer Heimat tragen noch immer das Gepräge der Halbheit, des Unvollendeten, des bloßen Versuchs an der Stirne. Die Ungarn sind infolge dessen in die unangenehme Lage versetzt, ihre Rohprodukte für einen verhältnißmäßig geringen Preis abzugeben, um dann eben diese Produkte in bearbeitetem Zustande für th euer es Geld wieder an sich zu bringen^ Dies der Grund, daß Ungarn trotz der fast überschwenglichen Produktivität seines umfangreichen Bodens noch immer eine arme Bevölkerung hat. Unsere Heimat hat nicht blos die Hebung ihrer Industrie zur unabweisbaren Aufgabe, sie muß sich vielmehr eine solche erst schassen. Nur durch einen wesentlichen Aufschwung der industriellen und kommerziellen Verhältnisse kann auch die Agrikultur, der eigentliche Lebensnerv Ungarns, einer kräftigen segensreichen Regeneration theilhaftig werden. Um dies zu realisiren, muß das Land über jeden Tropfen Blut jedes einzelnen seiner Bürger mit wahrhafter Aengstlichkeit wachen und sich namentlich davor hüten, daß die Thatkraft der Bevölkerung durch Zunftwesen und Sonderstellungen der verschiedenen Nationalitäten und Confessionsgenossenschaften nicht in ihrem Vorwärtsstreben behindert würde. Ein Körper, dessen sämmtliche Glieder sich nicht frei und ungehindert bewegen können, kann sich nie einer gedeihlichen Entfaltung erfreuen; früher oder später tritt eine Stagna-

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