Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1865)
- Date
- 1865-12-01
- Page
- Seite 227 (sequence 67)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Judenfrage in Ungarn. 227 einen andern sichern Standpunkt gewonnen zu haben. Doch von einer analogen Erscheinung kann hier nicht die Rede sein. Die Judenfrage ist in den meisten civilisirten Staaten der bekannten Welt bereits ein überwundener Standpunkt. In der Eigenthümlichkeit der ungarischen Verfassung ist die Ausschließung der Israeliten nichts weniger als begründet. Und wäre letzteres dennoch der Fall — desto schlimmer. Eine Nation, die es selber bekennen muß, vermöge ihrer staatlichen Verfassung in der mißlichen Lage zu sein, irgendeinen! Theil der Bevölkerung das entziehen zu müssen, was im Schose anderer Nationen ohne jede Gefährdung der eigenen Interessen gewährt werden kann, gewährt wird, die bezeugt blos, wie sehr cs in ihrem inncrn Organismus faul, wie bedenklich ihre Lebensnerven angegriffen. Eine Nation in solch siechem Zustande hat auch nicht den geringsten Anspruch auf auswärtige Unterstützung, wenn sich diese gleich in moralischer Beziehung blos mänifestiren sollte. Vor aller Welt die innern Mängel und Gebrechen bloßlegen — verdient mindestens als unklug bezeichnet zu werden. Und doch begingen die Ungarn diese Unklugheit in unverzeihlicher Weise; ja sie begehen diese Unklugheit noch immer, täglich, stündlich. Einen bedeutenden Theil der heimatlichen Bevölkerung haben sie zur unwillkürlichen Passivität verdammt; eine thatkräftige Menschenklasse haben sie von jeder activen Betheiligung am Aufbau des nationalen Verfassnngsgebäudes ohne Grund und Ursache ausgeschlossen, lind welches Motiv konnte hier denn eigentlich im Spiel sein? Etwa die Befürchtung, es könnte auch dieser Theil der Landesbewohner auf den Mitgenuß der gemeinschaftlich errungenen Freiheit Anspruch machen? . . . Wäre dein so, ich müßte die Verhältnisse als überaus traurige bezeichnen. Hieße dies nicht, ans den Besitz des höchsten menschlichen Erdenguts spontan verzichten, um den Mitgenuß desselben nicht auch andern zugestehen zu müssen? Hieße dies nicht, dem eigenen Interesse schnurstracks entgegenarbeiten, um nur das eines Nebenmenschen mit Erfolg zu paralysiren? ... Ich gestehe es, es hat mich diese Betrachtung ziemlich düster gestimmt; sie macht mich für die Zukunft meiner Heimat recht ernstlich besorgt. Mich tröstet blos die Hoffnung, daß all diese Conjecturen, die meinen Geist so unheimlich umschweben, als grundlos sich erweisen werden. Ungarn misgönnt andern nicht das Gut, um dessen Besitz es so lange gerungen und heute noch ringt. Die Constitution Ungarns ist ebenfalls nicht in dem Grade krank, als daß eine traurige Anomalie, wie die Ausschließung der Juden, zu ihren Lebensbedingnngen gehörend, in Permanenz erklärt werden müßte. Wenn Ungarn bisher seine jüdischen Bürger in der freien Entwickelung und Entfaltung ihrer physischen und geistigen Kräfte wesentlich beengt, so war dies Verfahren gewiß weder politisch gerecht, noch politisch klug. Es müssen sonach andere Gründe vorhanden sein, die dies Gebaren einigermaßen rechtfertigen könnten. Wir müssen zu diesein Behuf unsere Frage auch nach andern Gesichtspunkten hin beleuchten. In meinem nächsten Briefe werde ich mich bestreben, die volkswirthschristliche Seite derselben zu erörtern. . . . Siebenter Brief. Bi har, 5). Sept. Gewiß, geschätzter Freund, haben Sie aus dem bisher Gesagten die Ueberzeugnng geschöpft, zu welchen Resultaten man nothwendig gelangen müsse, wenn die Jndenfrage von politischem Standpunkte aus ins Auge gefaßt würde. Wir müssen weiter schreiten; vielleicht wird's denn doch möglich, der unerklärlichen Haltung der Ungarn in diesem Punkte eine mindestens halbwegs haltbare L-tütze ausfindig zu machen. Sehen wir, welches Ergebniß die Ventilirung dieser Frage von volkswirthschäftlichem Standpunkte aus liefern würde. Eine Uebervölkerung, wie sie in manchen Staaten Europas schon ge-