Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1865)
- Date
- 1865-12-01
- Page
- Seite 218 (sequence 58)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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218 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. ler und macht dem Kinde ein Hokuspokus vor, hinter dem doch eigentlich nichts steckt? Die Jugendschrift hat dann ihre Berechtigung, wenn sie ein wirklich poetisches Gebilde, wenn ihr Verfasser wirklich Poet ist. Ist aber dies der Fall, dann muß ein solches Kunstgebilde auch auf den Erwachsenen den vollen Reiz und Zauber des Wahrhaft-Poetischen offenbaren, oder wir können den Satz jetzt umkehren: Jedes wahrhafte Kunstwerk ist auch eine genug gute Jugendschrift, vorausgesetzt, daß in demselben die Ideen nicht zu sehr über den Gedankenkreis des Kindes hinausgehen, und daß die geschlechtlichen Verhältnisse nicht in allzu sinnlicher Weise entwickelt sind. Wenn man die Literatur der Deutschen studirt, so findet man leicht, daß sich Werke, welche den hier gemachten Einchränkungen entsprechen, zur Genüge finden, Werke, welche mit zu den beten Schriften der Literatur zählen, wie z. B. „Philotas" von Lessing, manches von Th. Körner, einiges von Kompert, ja sogar von Schiller und von andern. Und dieses ist der wahre Sinn des Paradoxon: Für die Kinder ist das Beste eben gut genug. Es soll nicht geleugnet werden, daß auch auf dem Gebiet der Jugendschriften manches vorhanden ist, was wenigstens unter gewissen Einschränkungen künstlerisch berechtigt ist, daß manches vorhanden ist, in welchem wenigstens ein' wirkliches Leben und nicht blos trockene Moral gefunden wird. Am schlimmsten aber ist in dieser Beziehung die israelitische Jugend daran. Die zwei Bände „Volks- und Jugendbibliothek", welche gegenwärtigen Excurs über Jugendschriften veranlaßt. haben, dienen keineswegs dazu, in dieser Beziehung eine bessere Richtung angebahnt zu sehen. Wir wollen sie mit wenigen Worten kritisch abschlachten, denn es wäre schade um die Zeit, uns lange dabei aufzuhalten. Beide Erzählungen sind vom Herausgeber selbst, und es handelt sich für die Zukunft des Unternehmens nur mehr darum, ob die mit ihm in Verbindung stehenden Literaturfreunde von dem Wesen der Erzählung keine bessere Vorstellung haben, als er selbst zu haben scheint. Selke, ein Knabe, der Bar-Mizwah wird, kommt, da die Juden des Orts gerade am Tage vor Sabbat Hagadol aus dem Orte vertrieben werden, in die Hände von Klostergeistlichen, die ihn taufen wollen. Er wird vom Pater Clement unterrichtet, aber er findet hier noch einen andern Lehrer im Kloster, den Rabbi Nathan, der getauft und Klostergeistlicher ist, aber sein Judenthum innerlich nicht abgelegt hat. Nachdem dieser gestorben, entflieht Selke dem Kloster, wird dann in Frankfurt als Redner berühmt und findet endlich in einer nahegelegenen Stadt, in die er sich von Frankfurt aus begibt, nicht nur seine Aeltern, sondern auch Rabbi Nathan's Bruder und Braut wieder. Großer Jubel und Heirath versteht sich, und alles ist wieder gut. Das ist die sogenannte Fabel der einen Erzählung. Die andere — Graumantel — hat nichts specifisch Confessionelles an sich. Zwei Geschwister erhalten eine Stiefmutter, von der sie gequält werden. Sie fliehen, kommen in einen Wald, richten sich in einer durch Zufall Vorgefundenen Höhle nach und nach wohnlich ein, errichten von da aus in die Umgebung ein förmliches Geschäft, unterstützen sogar eine arme Witwe mit deren Töchtern, werden aber dann durch Zufall von einem Manne, Graumantel, gefunden, der zufällig ihr Oheim ist, und der-sie ihren inzwischen ruinirten Aeltern zur Freude dieser sowol als der Kinder zurückbringt. Was die Erfindung dieser beiden Erzählungen anbelangt, so ist an derselben höchstens zu tadeln, daß der Wahrscheinlichkeit ein bischen stark ins Gesicht geschlagen wird. Im übrigen aber lassen wir die Erfindung der Fabel auf sich beruhen. Hätte ein echter Dichter sich derselben angenommen, so wäre er allerdings im Stande gewesen, aus derselben wirklich lebendige Gebilde vor unser Auge hinzustellen. Herr A. Treu hat sich alle redliche Mühe