Mannheim
Compact Memory

Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-12-01 · Heft 3 (Dezember 1865) · p. Seite 217

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 3 (Dezember 1865)
Date
1865-12-01
Page
Seite 217 (sequence 57)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2417805-2417813-2417816--736-2418578
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Jugendschriften. 217 über Freiheit, über Gottheit und Unsterblichkeit, kurz über die tiefsten metaphysischen wie über die höchsten Lebensfragen gehandelt wird, das sollen keine wahren Kunstwerke sein, das wäre alles nichts als künstlerische Lüge? Es ist empörend, so etwas zu hören, und eine Blasphemie, so etwas niederzuschreiben! Nun hat er ausgesprochen, und ich kann ihm darauf vorläufig nur sagen: Du weißt gar nicht, mein Freund, wie grob du bist! Um aber seine Entrüstung einigermaßen zu beschwichtigen, will ich ihn zu einem Bekannten von mir führen, nämlich zum Unterlampenputzer eines hiesigen Theaters; das ist ein Mensch, der viel gesehen hat und der wird ihm folgenden Aufschluß ertheilen: Verehrtester! Um zu wissen, was Tendenzpoesie ist, müssen Sie erst so lange Unterlampenputzer am Theater gewesen sein wie unsereins. Lassen Sie sich daher von einem Manne, der Praxis hat, die Sache erklären. Wenn der Marquis Posa dem König Philipp über Freiheit spricht, oder wenn Hamlet in seinem Monolog: Sein oder Nichtsein! — über die Frage nach dem Jenseits grübelt, oder wenn Faust die unendliche Natur fassen will und sich sehnt zu schauen alle Wirkenskraft und Samen und was die Welt im Innersten zusammenhält, so können Sie die Erfahrung machen, daß das Stubenmädchen oder die Köchin auf der letzten Galerie von den Leuten, die so gescheit „da her" reden, ebenso entzückt sind wie der neben ihnen sitzende Student, welcher in diese Reden etwas tiefer eindringt. Und woher, meinen Sie, koinmt das, daß sich selbst Köchinnen und Stubenmädchen dabei nicht langweilen? Das kommt von der Art, wie diese Fragen mit dem ganzen Kunstwerk verflochten sind. Wenn einer ziemlich lange Lampen Putzt, so wird's auch in ihm nach und nach Heller, und so seh' ich auch, daß bei allen diesen Werken der Zuschauer gar nicht merkt, daß hier etwas außer dem Kunstwerk Liegendes gesagt wird; denn das, was gesagt wird, ist nicht seiner selbst willen, sondern des Stücks willen da. Wenn aber ein Stück aufgeführt wird, wo der Held, ein echter Maulheld, beständig von Freiheit überflutet oder ähnlichen Dingen, dann heißt's: Man merkt die Absicht und man wird verstimmt. Entschuldigen Sie, daß ich als Unterlampenputzer so gescheit „da her" rede, das macht die viele Praxis und der häufige Umgang mit meinen Cvllegen, den Herren Künstlern. Ich muß nur meinenr Unterlampenputzer den gebührenden Dank abstatten, daß er so wacker für mich in die Schranken getreten und daß er mich von dem grimmigen Verdacht, als oo ich „Hamlet", „Faust", „Don Carlos" für Tendenzwerke hielte, so gut gereinigt hat. Er versteht eben das Putzen und Reinigen aus dem Fundament. Jetzt aber rönnen wir in der Prüfung unseres Paradoxon weiter gehen. Der Künstler hat die Berechtigung, seine Ideen in das Kunstwerk hineinzutragen; ja mehr, er soll dies. Und das Kunstwerk wird um so interessanter und tiefer angelegt sein, je größer und tiefer der Jdeenkreis ist, der sich in demselben vor unfern Augen entfaltet; aber bei aller Tiefe der Ideen und bei aller Größe der Anschauung muß das Kunstwerk seinen letzten Zweck im Auge haben, es muß schön sein. Also auf die Form der Darstellung kommt es an, ob wir ein Drama als solches anerkennen werden, oder ob wir finden, es sei dies eine Abhandlung über dies oder jenes in dialogischer Form mit der Maske des Kunstwerks, eine künstlerische Lüge. Was von den Tendenzwerken im allgemeinen gilt, das gilt selbstverständlich auch von den Jugendschriften insbesondere. Tritt der instructive Zweck in den Vordergrund, so wirkt das Buch auf daS kindliche Gemüth wie eine Abhandlung, und man fragt sich: Warum hat der trockene Verfasser dieser saftlosen Schrift doch die Sache nicht kürzer gemacht? Kann er seinen Zweck so wenig verbergen, kann er seine Betrachtungen so wenig aufgehen lassen in der Form, kann er seine Ideen so wenig flüssig und lebendig machen, warum ist er ein künstlerischer Heuch-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.