Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1865)
- Date
- 1865-12-01
- Page
- Seite 211 (sequence 51)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2417805-2417813-2417816--730-2418572- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Einiges über Hebbel. 211 ßen Dichter gelten zu wollen. „Lobte oder tadelte man etwas an seinen witzigen Einfällen, so blieb er ruhig", sagte mir Hebbel, „wie bei einer Sache, die ihn gar nichts.anging; aber wehe dem, der seine Dichterkrone unsanft berührte. Eines Tags brachte er mir ein Gedicht. Ich las es und erklärte mich mit der Form nicht einverstanden." — «Die Form, die Form» sagte Saphir, «lassen wir die Form, aber die Idee, die Erfindung, der Inhalt!» — «O!« sagte Hebbel, «die Erfindung ist vortrefflich!« „Saphir wußte nicht" — man muß Hebbel lächeln gesehen haben, als er mir dies erzählte— „daß ich die Erfindung bereits sehr genau kannte, bevor er das Gedicht schneb; denn die Sache war aus dem Talmud, ich konnte die Erfindung mit gutem Gewissen loben." Wie Hebbel zum Judenthum im allgemeinen sich stellte, ist leicht zu beantworten. Das Judenthum war ihm ebenso wie das Christenthum eine positive Form, von der er sich emancipirt wußte. Wie er sich aber zu den Juden stellte, geht am besten aus einer Anekdote hervor, die Emil Kuh in seiner „CharakteristikHebbel's" erzählt. — Der Dichter wurde einst gefragt, ob er sich darüber ärgere, daß man ihn für einen Juden halte (dies geschah nämlich), und Hebbel erwiderte: „Wäre ich ein Friedrichdor, so würde es mich ärgern, beschnitten zu sein; da ich aber ein bloßer Friedrich bin, so ist es mir vollkommen gleichgültig." — Es passirte Hebbel öfter, daß man ihn fiir einen Juden hielt. So bekam er im Jahre 1861, nachdem er sein Gedicht an den König von Preußen in der Leipziger „Jllustrirten Zeitung" veröffentlicht hatte — ein Gedicht, welches wegen des darin vorkommenden Ausdrucks „Bedientenvölker", womit die Slawen bezeichnet wurden, viel von sich reden machte — aus Prag eine böhmische Zeitung eingesendet, in welcher eigens für ihn in deutscher Sprache ein offenes Schreiben enthalten war und darin hieß es, er möge nicht vergessen, daß seine Vorfahren ein Bedientenvolk in Aegypten gewesen. In diesem Augenblick wird durch den literarischen Testamentsvollstrecker Hebbel's, den bekannten Schriftsteller Emil Kuh, der zu Hebbel's vertrautesten Freunden zählte, die Gesammtausgabe der Hebbel'schen Werke veranstaltet, welche auf zwölf Bünde angelegt, neben den bisher bekannten Werken des Dichters noch gar manches enthalten wird, was sich als Fragment oder vollendetes Gedicht in dessen Nachlaß vorfand, oder was bisher nur in verschiedenen Zeitschriften zerstreut gefunden werden konnte. Der erste Band der Gesammtausgabe enthält selbstverständlich des Dichters dramatisches Erstlingswerk: Die „Judith". — lieber Hebbel im allgemeinen und über die „Judith" insbesondere ist so viel geschrieben worden, daß es uns nicht nöthig scheint, auf den Inhalt und die Bearbeitung dieser genialen Schöpfung hier näher einzugehen. Nur ein Motiv in dieser Tragödie wollen wir hier kurz erörtern, weil sich über dasselbe schon mancher Leser und Zuschauer vergebens den Kopf zerbrochen hat. Die Schilderung der Brautnacht Judith's ist dieses dunkele Rüthsel, und umsonst fragt sich der Leser, was Manasse in dieser verhängnißvollen Nacht gesehen habe, das im Stande war, ihn festzuwurzeln. In der Dichtung selbst finden wir über diesen Punkt keinen Aufschluß, denn Manasse stirbt in dem Moment, da er nach der Schilderung Judith's den Mund aufthun will, das wunderliche Geheimniß zu enthüllen. Ich fragte Hebbel über diesen dunkelen Punkt und erwartete meine Neugierde befriedigt zu sehen. Dies geschah auch, aber in anderer Weise, als ich vermuthet hatte. Denn ich hoffte, Aufschluß über ein dunkeles Geheimniß, und es ward mir Aufklärung über ein wichtiges Kunstgesetz, über das Gesetz der Motivirung. Hebbel sagte also: „Judith soll Holofernes tödten. Damit sie dies im Stande sei, muß sie sich ihm ergeben;! darin liegt ihr Opfer. Ein Weib, das , solch ein Opfer bringen soll, ist im Drama schlechterdings nur möglich, wenn sie weder Jungfrau noch eigentlich verheirathet ist. Ist sie wirklich verheirathet, kennt sie die Größe des 14*