Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1865)
- Date
- 1865-12-01
- Page
- Seite 210 (sequence 50)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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210 Jllustr. Monatsh. für die gef. „Ich hatte nicht die mindeste Absicht, je ein Drama zu schreiben oder auch nur zu der schönen Literatur in eine nähere Beziehung zu treten. Ich wollte miä) der juristischen Laufbahn widmen. Eines Tages war ich bei Ludmilla Assing, deren Vater mir das Leben gerettet hatte, zu Besuch, und die Unterhaltung betraf die neueste dramatische Literatur. Ich äußerte mich über sämmtliche Erscheinungen derselben sehr herb und streng. Die Unterhaltung lenkte sich auf Gutzkow und dessen Werke, vorzüglich auf dessen «König Saul». Ich bezweifelte sehr und betonte diesen Zweifel, ob unsere Zeit überhaupt fähig sei, einen großen Dramatiker hervorzubringen; im biblischen Drama, meinte ich, lasse sich gewiß schon gar nichts anfangen. Darüber gerieth Ludmilla in Entrüstung, und ich sagte: „Ich bilde mir nicht im entferntesten ein, ein Dichter zu sein, aber so ein «Saul» müßte sich doch wol leicht überbieten lassen." — Ich nehme Sie beim Wort, sagte Ludmilla heftig, worauf ich ruhig erwiderte: Sie bringen mich dadurch nicht im geringsten in Verlegenheit. „Ich hatte ein Gemälde, welches die Judith mit dem Haupt des Holofernes darstellte, kurz vorher gesehen, es hatte in mir einen so mächtigen Eindruck hinterlassen, daß ich gar keinen Stoff zu suchen brauchte, weil sich mir der Stoff der «Judith» so von selbst aufgedrängt. Ueber Nacht war der fünfte Act fertig: die entscheidende Katastrophe. Hierauf ging ich mit einem Freund spazieren und recitirte auf dem Wege einzelne Stellen aus dem fünften Act. Mein Freund war darüber erstaunt, und ich erzählte ihm das Vorgefallene. .Er und mehrere andere, die den fünften Act kennen lernten, drangen in mich, das Drama ganz zu componiren und aufzuschreiben. In vierzehn Tagen war die »Judith» fertig." So entstand also des Dichters Erstlingswerk auf dramatischem Gebiet, welches gerade von Gutzkow, dessen „Saul" überboten werden sollte und ward, in den wärmsten und begeistertsten Ausdrücken begrüßt und für die Interessen des Judenthums. weitere Laufbahn Hebbel's entscheidend wurde; denn durch die „Judith" erkannte er selbst seinen innern Beruf zum Dramatiker, infolge dessen der Entschluß, die juristische Laufbahn zu verlassen und mit der des Dichters zu vertauschen, in ihm zur Reife kam. Dies ist die Entstehungsgeschichte der „Judith". Daß übrigens die frühzeitige Lektüre der Bibel das Gemüth des Knaben für den spätem so mächtigen Eindruck des biblischen Gemäldes empfänglich gemacht, daß also diese Lektüre mit zur Entstehungsgeschichte der „Judith" gehört, ist zweifellos. Hebbel hatte die Bibel sehr gut inne. Dies äußerte sich nicht selten in seinen Bemerkungen. So besuchte ihn eines Tages in Wien Zirndorfer, der Dichter der „Kassandra". Zirndorfer ist Jude und hat rothes Haar Kaum war er weg, trat ein Freund Hebbel's ins Zimmer, und Hebbel sagte scherzend: „So eben habe ich Jehovah aus dem brennenden Dornbusch herausreden hören." Da dieser harmlose Witz in Wien seiner Zeit stadtkundig gewesen, so begehen wir keine Indiskretion, wenn wir hier daran erinnern. Die Juden seiner Zeit kannte Hebbel wol auch, aber keineswegs so gut wie das biblische Judenthum. Ja er kümmerte sich sogar um den Talmud und bedauerte mehr als einmal, daß ihm die hebräische Sprache fremd und die Schätze des Judenthums — ein Buch mit sieben Siegeln — verschlossen seien. Als er daran dachte, ein Drama: „Jesus Christus" zu schreiben — ein Plan, der ihn sehr lebhaft beschäftigte — strebte er danach, die Anschauungen des Talmud über Jesus kennen zu lernen. Er kannte sie nicht. Das Buch von Richard von der Alm, dem Verfasser der „theologischen Briefe an die deutsche Nation," war damals noch nicht erschienen. Er wußte aber gar manche Legende und Parabel aus dem Talmud und dem Midrasch, er ließ sich diese Dinge von Juden, mit denen er umging, gern erzählen. Diese Kem-.tniß kam ihm oft gut zu statten; einmal verhaft sie ihm zu einem köstlichen Spaß. Saphir, der berühmte Humorist, hatte die Schwäche, für einen gro-