Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1865)
- Date
- 1865-12-01
- Page
- Seite 198 (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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198 Jllustr. Monatsh. für die ges. des Paradiespsauen, das Halsband der Schönheit u. a. ni. (Ausland.) Dn „MtlM" in der Stadtbibliothek zu Nürnberg. Von H. C. ö. Sriegleb, kötiigl. baicrscher Custos. „Machsor" nennt man bekanntlich jene Sammlung von Gebeten, welche an Sabbaten und Festtagen in den Synagogen oder auch bei Verrichtung häuslicher Andacht gebraucht wird. Die meisten der darin enthaltenen Gebete sind jedoch leider in einer dem weniger Gebildeten sehr schwer oder wol gar nicht verständlichen Sprache geschrieben und durchgehends in Reimen abgefaßt— sodaß gar mancher, scheinbar andächtig, mit dem Munde betend, nur zu oft den eigentlichen Sinn des Gesprochenen nicht versteht und daher leeren Herzens nach Hause gehen müßte, hätten nicht verschiedene gelehrte Glaubensgenossen Anmerkungen und Erklärungen zu den schwer verständlichen Stellen der Gebete geschrieben, welche in den meisten „Machsorim" denselben beigedruckt stehen. In der Stadtbibliothek zu Nürnberg bewahrt man nun noch einen alten geschriebenen „Machsor" aus der Zeit auf, zu welcher die Juden sämmtlich die Stadt verlassen mußten. Dieses äußerst werthvolls Werk bildet einen starken, aus 528 sehr sauber beschriebenen Pergamentblättern bestehenden Band in roMl loiio. Ein brauner, mit starken Clausuren versehener Hornband hält das Ganze zusammen. In diesem „Machsor", welchen „Rabbi Josua", ein Sohn „Isaaks", in Nürnberg zu seinem und seiner Familie Gebrauch um das Jahr 1331 christlicher Zeitrechnung schreiben ließ, finden sich neben den Slichos oder jüdischen Bußgebeten noch eine Menge Gebete, welche weder in dem böhmischen noch im venetianischen noch im amsterdamer „Machsor" anzutreffen sind. Interessen des Judenthums. Was das Seltenste bei jenem nürnberger „Machsor" ist, so finden sich nicht nur alle Gebete noch u»verstümmelt darin vor, sonder» es hat auch der Sammler dieser Gebete durch eine fremde unbekannte Hand, einen „Perusch", d. i. eine Erklärung der schwer verständlichen Stellen beifügen lassen. Dieser „Perusch" beginnt S. 8 Evl. u und ist hier und da etwas weitschweifig gehalten. Der Verfasser spricht sich in demselben manchmal sehr hart über die Bedrückungen aus, welche das Volk Israel seiner Religion wegen in den damaligen rohen Zeiten von den Christen zu erdulden hatte. Fast keine Seite, auf der nicht bittere Klagen, ja oft von der Verzweiflung über die herabgewürdigte Lage des Volks Gottes dictirte Verwünschungen gegen den Talui und die Nozrim zu finden wären! Der „Perusch" ist eben im Geiste jener Zeit geschrieben, in welcher man von christlicher Seite aus die Juden nicht als Menschen, sondern als Hunde, ja oft als noch etwas Geringeres zu betrachten und zu behandeln pflegte, was natürlich in den Gemüthern der Israeliten jene Erbitterung Hervorrufen mußte, welche sich der Seele aller derer bemächtigt, die sich von ihren Gegnern lediglich „aus blindem Haß, unbegründetem Vorurtheil und rohem Uebermnth" täglich verhöhnt, verfolgt, ja mit Füßen getreten sehen, ohne dieser empörenden Behandlung kräftig entgegenwirken zu können infolge ihrer geringer« Anzahl und größern Ordnungsliebe. Man muß deshalb jene Ausbrüche wilder Verzweiflung, wie sie in dem Perusch des nürnberger „Machsor" enthalten sind, nur im Hinblick auf die barbarische Zeit betrachten, in welcher sie zu Papier gebracht wurden, und dieselben nick/ auf unsere Zeit übertragen wollen. Die Zeiten haben sich ja seitdem bedeutend geändert, die gegenseitigen Gesinnungen zwischen Juden und Christen sind ganz andere, jedenfalls bessere geworden, und der blinde Fanatismus hat stch im Strom der Zeit auf beiden Seiten gewaltig abgekühlt, weshalb auch jcu' im „Mach-