Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1865)
- Date
- 1865-12-01
- Page
- Seite 191 (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Talmud. INI Babylonien war so stark, daß inan dort Verordnungen") gegen diesen überhandnehmenden Trieb der Auswanderung nach der Akademie des Rabbi Iudah traf, mit dem sich zugleich der Reiz der Auswanderung nach den: Heiligen Lande überhaupt"**) verband. Werfen wir einen vergleichenden Blick auf die politischen Zustände im allgemeinen, wie sie Judäa und andererseits Babylonien damals boten, so begannen in den letzten Lebensjahren Rabbi Judah's ***) die düstern Wolken wiederum am Himmel Judäas yeraufzuziehen, die seit Hadrian's Verfolgung geschwunden schienen, während das jüdischeBabulouien frei athmete ****) und unter der Herrschaft der Sassaniden einer ungetrübten Selbständigkeit sich erfreute. Das mag der weite Blick des großen Lehrers in Judäa umspannt haben, als er sich mit Sorge um die Existenz der Tradition, des mündlichen Gesetzes, trug, und von diesem Gesichtspunkte aus erfaßte er den Gedanken, die gesummte Tradition, wie sie seit ihren frühesten Anfängen unter der großen Synagoge (also vor 600 Jahren) sich gebildet, zu sammeln und in ihren fertigen Resultaten h> zu eurem festen Codex zusammenzufassen. Dieser Codex, in welchen auch die frühen: Sammlungen des Rabbi Akiba und Rabbi Mnr theilweise Aufnahme gefunden haben-), ist unter dem Namen „Mischna" bekannt und hat sich theils durch das Ansehen seines Urhebers, theils durch die Liebe der Nation zu demselben zum Kanon ^) ans- Gitin, 6, 6; Ketuboth, 111, u; Berachoth, 24, d; Sabbat, 41, a. Ketuboth zu Ende; Kerem Cheined, I, Brief 23; Rapoport in Erech MiLin, S. 218, Nr. 15. Selbst die in Babylonien Gestorbenen wurden in Palästina bestattet; ebend. S. 220, Nr. 16. Sotah zu Ende; Moed Katan, 16, a, unten. (Min, 17, o, oben. 1) Zunz, „Gottesdienstliche Vorträge", S. 45. 2) Frankel, „Hodegetik", S. 209 fg. 8) Zunz, „Gottesdienstliche Vorträge", S. 45, Notee; Grätz, ,,Geschichte", S. 487, Note 2, d. 4) Jerusch. Nasir, 1,1. lieber die Begrengebildet, dem gegenüber jede andere Discussion und Entscheidung, eben weil sie nicht in die Mifchnah aufgenommen ist, nur einen geringen:, unmaßgeblichen Werth hat und deshalb „Beraitha"*> genannt wird, d. h. außerhalb des Lehrhauses von Rabbi Iudah vorgetragen. Die Mischna ordnet die fast unabsehbare Masse einer sechshundertjährigen Tradition nach ihren: stofflichen Inhalt in sechs großen Ordnungen, die sich in dieser Reihenfolge **) aueinanderfügen: l) Agrargesetze, 2) Kalender¬ und Festbestimmungen, 3> Ehe- und Erbrecht, 4) Civil-" und Criminalrecht, 5H Cultus und Ritus, 6) Reinigkeitsgefetze. Wiewol es ineine Absicht hier »icbt sein kann, auf de:: Inhalt einer jeden Ordnung näher einzugehen, will ich es mir doch nicht versagen, auf zwei derselben flüchtig aufmerksam zu macken, da sie so manchen Schatten zu beseitigen geeignet sind, der sich, ohne daß ich recht weiß, wieso? gebildet hat. Wir können uns nicht verhehlen, daß die Nächstenliebe, der Grundsatz treuer und aufrichtiger Gesinnung, den: Talmud nur zu oft streitig gemacht wurde; man hat sich darin gefallen, die talmudische Lehre der Wahrheit und Gerechtigkeit nur bis an die Grenze des jüdischen Wechselverkehrs untereinander zu führen, darüber hinaus den Verdacht des Gegentheils zu spinnen. Nun, nachdem ich klar gemacht habe, daß vorläufig bis zum Abschluß der Mischna die talmudische Lehre nichts als die gewissenhafte Durchführung und Auslegung des geschriebenen Gesetzes ist, das mit kräftigen Zügen auch das Gebot der Nächstenliebe verzeichnet hat, hieße es wirklich den Geist des Talmud verkennen, wollte man den Gedanken zung des Begriffs „Ztanon", die in dein Organismus der Mischna, wie später und noch mehr des Talmud selbstredend begründet ist, vergl. Philippson in der „Allgemeinen Zeitung des Judentbums", 28. Jahrg., Nr. 49; ebend. Nr. 51Gutachten des Rabbinats in Wien. Jerusch. Horajoth, III, S. 17 «-6. Goldberg. Zunz, „Gottesdienstliche Vorträge", S. 49, Note 5. Sabbat, 31, n.