Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1865)
- Date
- 1865-12-01
- Page
- Seite 188 (sequence 28)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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188 Jllustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. Drr Tülmnd. Ein Vortrag von vr. Tobias Cohn, Rabbiner zu Potsdam. (Fortsetzung.) Ich habe nicht die Absicht, hier die interessanten Gänge zu verfolgen, auf welchen die gelehrten Discnssionen zwischen Hillel und Sammai sich bewegen, deren Nachhall noch heute den forschenden Geist in den tiefen Schacht des Gesetzesstudiums führt und aus ihm den Ernst eines religiösen Strebens fördert. Mir kam darauf an, aus der Masse der Denker und Gelehrten den Einen herauszuheben, der einerseits alle vorangegangenen durch die Origiiralität feiner Lehre, die Kühnheit seiner Deutungen übertraf und maßgebend in die religiösen Verhältnisse der Zeit eingriff; der dann andererseits wie die Erscheinung wirkt, um welche sich alle andern Lehrer und Namen in der Auslegung des Gesetzes gruppircn. Die sieben Deutungsregeln*) von Hillel wurden durch die Geistesschärfe des gleichwol in einem seltenen Grade autoritätsgläubigen**) Rabbi Elieser zu einer schneidenden Dialektik zugespitzt und wuchsen unter der pedantischen Strenge***) des RabbiJsmael auf dreizehn an, mittels welcher wiederum die Peripherie der Discussion sich verengte und näher, wenn auch zunächst noch ohne eigentliche Befruchtung, um den Mittelpunkt des Schriftworts legte. Wenn die Kräfte der Natur oder die Bestrebungen im Völkerleben eine Zeit lang in mächtigen Schwingungen und mit übergroßer Anspannung ihre Arbeit gelöst haben, dann pflegt es oft zu geschehen, daß die Ziele überholt werden, die von der Vorsehung bestimmten Perioden gesteckt sind. Im Zusammenhang damit zerstreuen die *) Thossephtha Sanhedrin, 7; Aboth d'R. Nathan, 37; vergl. Frankel, „Programm des jüdisch-theologischen Seminars 1.854", S. 15 fg. ^') Sukkah, 28, a. ***) Sifra zu Anfang; vergl. Frankel, „L>odegetik", S. 108, Note 4. Wirkungen sich ordnungslos und ohne ein aus dem Innern strömendes Gesetz, ohne einen tiefen, natürlichen Mittelpunkt gehen die Richtungen willkürlich auseinander, die, nur der eigenen Lust folgend, sich zerstreuen und zersplittern. Dann aber, wie aus dein Geist der Ewigkeit und Weisheit geboren, tritt eine Zeit der Erholung und der Sammlung ein, in welcher die losgelassenen Triebe zu ihrem ursprünglichen Sitz zurückgeführt werden, damit sie in dem großen Ausgleich des Organismus sich dein Dienst der Ordnung unterstellen. Da haben Sie den Weg, welchen die Wissenschaft der jüdischen Religion ging, der an der Stelle, bei welcher wir jetzt angelangt sind, den entscheidenden Wendepunkt annimmt. Die reichen Geistesstrahlen, welche sich in willkürlicher Freiheit immer mehr von dein festen Kern des Gesetzes entfernten, immer mehr in ihrem eigenen schillernden Lichtglanze sich gefielen und spiegelten, sammeln sich wie nach einem höhern Gedanken, und in edler Durchdringung des Geistes umgeben und beleuchten sie das Schriftwort mit einer reinen, tiefen, aber einfachen Erkenntniß. Das Symbol dieser Lehrweise ist Rabbi Akiba. Seine Methode ist fast eine Exegese des Schriftworts zu nennen, aus welchen: er oft mit ursprünglicher Unmittelbarkeit dasselbe Resultat zieht, das andere Lehrer auf indirectem Wege gewinnen. Für ihn hat jeder Buchstabe *) am Schriftwort seinen heiligen Sinn, und wie sehr dadurch füglich der Grammatik Gewalt geschieht, so ist doch jedenfalls eine genaue Präcision der Deutung, eine in sich selbst getragene Concinnität der Auffassung, eine geschlossene Einheit erreicht zwischen dem geschriebenen und dein mündlichen Gesetz. Auf diesem Wege liegt auch, wie mich dünkt, der liberale Geist, welcher die Lehre Akiba's allszeichnet, des Mannes, der, wie in allen Fächern, so besonders auf dem Gebiet des Rechts, *1 Schwuoth, 26, a; Jebamoth, 68, ö; Kiduschin, 57, a, und an vielen Stellen; vergl. Geiger, „Zeitschrift für jüdische Theologie", V: DaS Verhältnis; des natürlichen Schriftsinnes zur talmudischen Schriftdeutung.