Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1865)
- Date
- 1865-12-01
- Page
- Seite 180 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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180 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen beS Judenthums. „Du verdienst, daß man dir ins «Ponim« (Gesicht) hinein «speiben» (spucken) soll", sagte Chawele Spazierstock, „weil du mich öffentlich thust «mewajesch» (beschämen) sein; du meinst, weil du den «Chower» hast, kannst du dir gegen jeden herausnehmen, was du willst." „Mach kein Gelärm, Chawele", beschwichtigte Mechol Pradenik, „sein' Chower hat er einmal verdient, und er hat sich früher auch kein Blatt vor das Maul genommen. Du thust, wie wenn du ihn gar nicht kennen möcht'st. Laß ihn reden, er meint's nicht schlecht, und was er dir gönnt, das soll dir angeh'n." Gawriele Stuffer hatte schon wieder einen Witz auf der Zunge; aber als er ihn loslassen wollte, sing der „Chasen" an, „Ledowid Borech" zu singen; denn es begann zu dunkeln, und man hatte beschlossen, hier im Hause Minje zu machen; deshalb mußte Gawrielen sein Witz in der Kehle stecken bleiben zur großen Freude von Chawele Spazierstock und zum größten Aerger von Schloime Klatschkopf; denn ihm war nichts lieber, als wenn Gawriele jemand tüchtig die Galt' reizte, und er sah es am liebsten, wenn die Leute baßen (sich ärgern), daß sie das „Bestemm" (eine Krankheit) kriegen. „Wenn mir so ein Wort in der Kehl stecken bleiben sollt'", sagte er heimlich zu Gawriele, „so möcht' ich davon den «Kutzer« (Hustens bekommen." Bärl Lederer aber, der daneben stand, schrie: „Mafsik!" und sah ihn mit zornigem Gesicht an. Als man sich hierauf nach verrichtetem Gebet entfernte, wünschte man Löb und Jentel Frank noch einmal Glück, sie mögen das Kind erziehen zur „Chuppe" (Trauung), zur „Thoire" (Lehre) und zu „maißim toiwim" (guten Handlungen). Felix konnte sich nach der Barmizweh seinen Vorbereitungsstudien mit desto größer»: Eifer hingeben, und in kurzer Zeit lagen die Worte eines jeden Satzes in seinem Kopfe so gut eingetheilt, als ob sie dort ihre bestimmten Schublädchen hätten, wo er sie hineinordnete; so gut wußte er zu analhsiren. Kein Bruch war so halsstarrig, daß er ihn nicht eingerichtet, und keine Proportion so verkehrt, daß er sie nicht gerade gemacht hätte. Sein Privatlehrer erklärte, daß er genügend vorbereitet sei und daß er ans der dritten Classe die Prüfung bestehen könne. Man fuhr mit Felix nach dem nahegelegenen Nikolsburg, wo sich ein Piaristenkloster befindet, und Felix setzte, wie sein Lehrer erzählt, die Professoren in Staunen durch seine Antworten. Nach Hause kam er mit einem Zeugniß, das gar nicht besser sein konnte. In dem Zeugniß stand: „Dieser Schüler verdient, in die erste Classe mit Vorzug gesetzt zu werden." Die lange Jittel, welche eben anwesend war, als Löb Frank das Zeugniß vorgelesen, sagte: „Und das ist ein gut' Zeugniß? Das Hab' ich auch noch nicht gehört. Ich Hab' gemeint, er hat die dritte Class' Prüfung gemacht, und jetzt verdient er in die erste Class' gesetzt zu werden. Er muß bei der Prüfling gar nix gekonnt haben." Felix war über diese Bemerkung ganz betroffen. Schnell aber sammelte er sich und sagte: „Ist denn das die deutsche erste Class', was da steht? Das ist ja die lateinische!" „Und noch dazu mit Vorzug", fügte Jentel Frank hinzu, die sich dem Ziel ihrer Wünsche so nahe sah. Die Hochsonnnermonate verstrichen, der Herbst begann, die Blätter färbten sich gelb und fielen von den Bäumen, der October, der Monat, in dem die Studien beginnen, rückte näher heran, und man machte Anstalten zur Abreise des jungen Studenten, wie man ihn jetzt bereits allgemein nannte. Der Tag der Abreise erschien. Felix ging — so war es in früheren Zeiten üblich, wenn ein Kind aus dem älterlichen Hause in die Fremde zog — in der ganzen Gemeinde von Halls zu Haus, um sich, zu beurlauben. Er ließ auch nicht eine, einzige Thüre ungeöffnet; ohne Unterschied, reich und arm, groß und klein, von allen mußte er Abschied nehmen. Dabei fehlte es in den verschiedenen Häusern ebenso we-