Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1865)
- Date
- 1865-12-01
- Page
- Seite 179 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Schlüssel. 179 ser wußte nicht, wie er solches Schweigen deuten soll. War Felix beschwichtigt? Sind seine Zweifel gelöst, seine Fragen beantwortet? Oder sollte er durch die letzten Vorgänge in eine andere Richtung gebracht, an das Buch und alles, was damit zusammenhängt, wie an eine frühere Laune, gänzlich vergessen haben? Der Lehrer wußte hierüber keinen Bescheid, und er hielt es für gefährlich, durch eine Frage den vielleicht schon vergessenen Gegenstand wieder anznregen. Deshalb schien ihm das Rathsamste, ebenfalls zu schweigen und geduldig abznwarten, was sich im Lauf der Zeiten daraus ergeben werde. Wenigstens konnte er sich in seinem Gewissen keinen Vorwurf machen. Mittlerweile rückte der Zeitpunkt der Barmizweh für die beiden Knaben immer näher heran. Für Gumpel lief diese ziemlich geräuschlos ab. Er hat eine neue Garderobe bekommen und ist in Schul aufgerufen worden. Das war so ziemlich alles, was sich davon erzählen läßt. Die Barmizweh des andern Knaben erregte in der Gemeinde die allgemeine Aufmerksamkeit in etwas höherm Grade. Bei der großen Mahlzeit, die Löb und Jentel Frank für Schabbesabend veranstaltet hatten, hielt Felix eine „Droscheh" (Predigt) über den Wochenabschnitt. Wenn er sie auch nicht selbst verfaßt, so hat er in dieselbe seiner Gewohnheit gemäß stark hineingearbeitet, und dies verlieh ihm eine Sicherheit und ein Feuer beim Vortrag, daß er nicht nur die ganze Gemeinde, sondern auch den Rabbiner in Erstaunen setzte. „Schade", sagte dieser, „daß Ihr Sohn kein Row werden wird; es geht mit ihm ein goßer «Charef» (scharfsinniger Mann) zu Grunde"; worauf Jentel erwiderte, daß man dieses heute noch gar nicht wissen kann, was aus Felix noch werden wird; „vielleicht wird er ein Row; denn wenn er auch studirt, so kann er dabei auch noch immerfort Gemoreh lernen." „Helwajeh! (Gott gebe)", sagte Bürl Lederer, „ich müßt' vor ihm aufstehen, wenn er in Schul hineinkommt." Salme Gloser aber, der mit glotzenden Augen dagesessen hatte, wandte sich an den Lehrer, welcher heute besonders Ursache hatte, stolz zu sein, mit der Frage, ob sein Jüngel zu der Barmizweh das auch kennen wird; wohingegen der Lehrer mit überlegenein Lächeln sagte, daß sich so was nicht vorausberechnen läßt. „Ich bin nicht Löb Frank", sprach Salme Gloser weiter, „und Hab' nicht so viel im Vermögen, als die Reifen von seine Fässer Werth sind, aber absparen möcht' ich inir den Bissen vom Maul, und möcht' mein Jtzegel, wenn er zu der Barmizweh eine solche «Droscheh» führen kann, eine goldene Uhr kaufen, die sich vor der da nicht zu schämen braucht, die Löb Frank seinem Jüngel gegeben hat." Salme Gloser's Weib, Chawele Spazierstöckele, so genannt, weil sie dein großen Salme bequem als ein „Spazierstöckele" hätte dienen können, wie klein sie sich gegen ihn ausnahm, fügte hinzu: „Und ich geb' ihm dies «Fingert» (Ringlein) von meiner Hand herunter, wenn ich's erleb', und das braucht sich auch nicht spotten zu lassen, und ich kann mich doch gewiß mich nicht mit Jentel Frank vergleichen." Sie sagte dies, da sie sah, daß Jentel Frank ein Ringlein von ihrem kleinen Finger nahm und es dem Felix an den Zeigefinger steckte. Gawriele Stuffer, der dies hörte, wendete sich an Chawele Spazierstock: „Und ich", sagte er, „verehr' ihm ein «Schaß haposkim» (den ganzen Talmud), das alle Farben spielen soll; ein ganz neues «Päschele» Karten, und schon am Freitag Abend beim Schulreifen setz' ich mich als «Pojatz» (Bajazzo) vermaskirt auf einPferd und werd dem «Schames» vorreiten, und der «Roiv», der mir den »Chower« umsonst verehrt hat, wird deinem Jtzegel schon zu der Barmizweh den «Chower« geben. Dein Jtzegel wird ein «Lamden« (Gelehrter) werden nach dem letzten brünner Markt; er hat ein «Schick» (Geschick) zu einem «Lamden« wie ein Kälbel zu einem Trompeter; ich mein', wenn er eine «Gemoreh» sieht, steht er richtig dabei wie eine Kuh beim neuen Thor." 12*