Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1865)
- Date
- 1865-12-01
- Page
- Seite 176 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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176 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. Kind wird einmal Gott und die Welt ein «Naches» (Freude) haben." Felix aber hatte inzwischen eine ganze Kette von Gedanken durchflogen; deshalb wartete er die nächste Frage gar nicht erst ab, sondern sagte aus freien Stücken: „Bei dem Grundsatz fehlt etwas; es sollte dabei stehen, daß man die gute Aussprache nicht bei Anschel Parch oder bei Wolwele Zerratzter suchen darf. Denn wenn ein heißer Tag ist, sagt Anschel: heut' is sehr haß, und wenn er vom Dorf' kommt und einen Hasen mitbringt, fragt ihn Wolwele, wo er den Hosen gekauft hat, und wenn dieser daun ein Paar neue Hosen trägt, fragt ihn wieder Anschel, was die Hoisen kosten, und wo er sie hat machen lassen. Dann gehen sie alle bade, d. h. beide, sich boden, d. h. baden; aber früher legen sie den Hosen auf den Boiden, d. h. den Hasen auf den Boden. Wenn sie nun regelmäßig für ei ein a, für a ein o und für o ein oi sprechen, soll man sich dann nach ihrer guten Aussprache richten?" „Wirklich", sagte Herr Blumenthal, „in dem Knaben steckt ein ganzer Sprachforscher. Er hat hier ein Gesetz aufgedeckt, das mir bisjetzt entgangen ist: es ist in der That eine ganz gesetzliche Lautverschiebung." „Ich weiß aber schon", setzte Felix fort, ohne Herrn Blumenthal Zeit zu lassen, den Gedanken weiter auszuführen, „warum das bei dem Grundsatz nicht zu stehen braucht. Wenn man das einmal weiß, daß Anschel Parch und Wolwele Zerratzter immer so sprechen, so muß man nur überall für oi ein o, für o ein a und für a ein ei setzen, und dann muß es richtig sein." „Du meinst also, man kann schreiben, wenn diese beiden Herren, die du hier nennst, dictiren?" fragte Herr Blumenthal. „Es ist aber nicht wahr", antwortete Felix, „denn, wenn er sagt, er geht hinaus vor's Thor, müßte man schreiben: vor's Thar, und wenn er sagt, das Schloß am Kasten ist zerbrochen, so müßte man schreiben: das Schluß am Keiften ist zerbrachen — und das wär' schlecht." „Ich wundere mich jetzt noch mehr als früher", sagte Herr Blumenthal zu Lob und Jentel Frank, „denn er hat nicht nur das Gesetz entdeckt, sondern auch die Ausnahmen vom Gesetz sogleich angedeutet. Er hat eine seltene Sagacität." Ünterdeß trat die lange Jittel ein, welche der Frau Jentel etwas zu sagen hatte. „Thut's ihn gar verhören?" sagte sie und blieb stehen, ohne Jentel abzurufen; denn da sie den Felix vom Fieber curirt hatte, so nahm sie für sich auch das Recht in Anspruch, zu sehen, ob er etwas kann; und da Jentel gerade keine Schande an ihm erlebte, so hatte sie nichts dagegen, sondern stellte der langen Jittel einen Stuhl zurecht, auf den diese sich niederließ. „Und kannst du auch analhsiren?" fragte Herr Blumenthal den Knaben. „Was ist das?" fragte Felix dagegen. „Weißt du das nicht?" wunderte sich Hr. Blumenthal. „Nein!" war die kurze Antwort des Knaben, den das gar nicht genirte. Die lange Jittel aber sagte: „Mir scheint, ich werd' kein «Kowed» (Ehre) nnt ihm aufheben", worauf Jentel ihr einen vorwurfsvollen Blick zuwarf. „Hat dich denn dein Lehrer nie analhsiren lassen?" „Ich weiß nicht", sagte Felix. „Ja, aber wie hat er dich in der Sprachlehre denn unterrichtet?" fragte Herr Blumenthal neugierig. „Er hat mir die Sprachlehre gegeben", sagte Felix, „und rch Hab' sie auswendig gelernt." „Und in dieser mechanischen Weise hat er dir siebeigebracht?" fragte Hr'. Blumenthal höchst erstaunt über solche Unterrichtsmethode. „Ich weiß nicht", erwiderte Felix, der die an ihn gerichtete Frage nicht verstand. „Hat dir dein Lehrer denn nichts erklärt?" war die weitere Frage, da die vorhergehende in so zweifelhafter Art beantwortet wurde. Felix aber sagte: „Nein!" „Und wie hat er es bei dem Rechnen angestellt?" fragte nun Herr Blu-