Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1865)
- Date
- 1865-12-01
- Page
- Seite 172 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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172 Jllustr. Monatsh. für die gef. nuß, und Hr. Blumenthal erklärte, daß die Nationalökonomie eigentlich diejenige Wissenschaft sei, welche diese Ausgleichung am meisten anbahne, indem sie die Bestimmung des Menschen in die Arbeit und den entsprechenden Genuß setze. Das Thema wurde lange hin und her gedreht, von allen Seiten besprochen, und der Rabbiner sollte sogleich Gelegenheit bekommen, den Beweis zu liefern, daß er die neuen Ideen vollständig aufgefaßt und sich in ihnen bereits heimisch fühle. Denn Mechol Pradenik, welcher auch auf den Rabbiner stolz war, hätte gern gesehen, daß dieser auch dem Hrn. Blumenthal einen hohen Begriff von seinen guten „Pschätlech" (Erklärungen) und seiner Rednergabe beibringe. Deshalb benutzte er eine kurze Pause zu der Frage: „Wird uns der Rebbe-Leben heute nicht auch ein gutes Mörtel sagen?" „Wenn der «Oilem» (Publikum) es haben will", antwortete der Rabbiner, „so werd' ich etwas sagen, was jetzt gleich «minjoneh» (passend) ist. Bei unserm Gespräch ist es mir eben eingefallen und ich werde von Ihrer Nationalökonomie", damit wendete er sich an Hrn. Blumenthal, „sogleich Nutzen ziehen." „Stiller", rief Mechol Pradenik, „der Rebbe wird uns etwas sagen von der Rationalakademie!" „Es ist zwar heute nicht «Schabbes hagodel» (der Sabbat vor Ostern)", begann hierauf der Rabbiner, „aber mir ist unter dem Gespräch von Arbeit und Genuß eingefallen, daß sich alle Menschen nach den «Arboe Bonim dibreh thoireh» (die vier Söhne der Hagada) in vier Klassen eintheilen lassen. Die Bestimmung des Menschen auf dieser Welt ist nun einmal, zu arbeiten. Ein jeder Mensch muß etwas «oißek» sein (sich mit etwas beschäftigen) und der «S'char meloche» (der Lohn für die Arbeit) ist eben der Genuß. Ein «Poil botel» (Müßiggänger) taugt zu nichts auf der Welt und hat auch eigentlich gar nicht das Recht zu leben. Die «Kasche» (Frage) ist nur, wie soll die «Melocheh» beschaffen sein? Der «Tarez« (Antwort) ist, sie Interessen des Judenthums. muß so beschaffen sein, daß sie etwas nutzt, d. h. Genuß bringt. Ist eine weitere «Kasche», wem soll sie nützen, und wem soll sie Genuß bringen? Darauf geb' ich «Tschuweh», sie soll nützen dem Arbeiter selbst, aber nicht nur allein ihm, sondern auch den andern Menschen. Sehen wir nun zu, wie sich die «Arboe bonim» unter dieser Beleuchtung ausnehmen. Derjenige «Ben Odem» (Mensch), welcher fleißig ist und seine Meloche so einrichtet, daß er selbst und die Welt davon eine «Noch» (Genuß) haben, der ist ein «Chochem» (Weiser) und hat seine Bestimmung am besten erfüllt. Sei es, daß er sich geistig beschäftigt und dadurch sich Vergnügen und der Menschheit Nutzen bereitet, sei es, daß er arbeitet und schafft ein Händewerk, in jedem Fall hat er gethau, was er thun soll, und er ist ein Chochem. Wenn aber der «Ben Odem» (Mensch) arbeitet, sei es auf welchem Feld immer, und er benutzt seine Thätigkeit und seinen Fleiß dazu, nur sich selbst Nutzen und Genuß zu verschaffen, ohne auf seine Nebenmenschen Rücksicht zu nehmen, ein solcher Mensch ist eigennützig, herzlos, er ist ein «Roscheh» (Bösewicht), er ist dies um so mehr, wenn er mit seiner Arbeit dem Nebenmenschen anstatt zu nützen sogar schadet. Von solchen Leuten kann man zwar sagen, sie sind klug, politisch, aber nicht, sie sind weise. «Chachomim hemoh lehorah», klug sind sie. Böses zu thun, aber nicht wirklich weise, wie ein wahrer Chochem ist. Es gibt eine dritte Classe von Menschen, welche arbeiten in die Welt hinein, und sind «oißek« (beschäftigt) «betoire» und «bemaißim toiwim» (in der Schrift und in gutenHandlungen), ohne dabei irgendwie an sich selbst zu denken. Solche Menschen sind das gerade Gegentheil von dem «Roscheh» (Bösewicht), sie thun nur, was dem andern Nutzen und Genuß bereitet, auf ihren eigenen Vortheil sehen sie nicht. Das ist die wahre Aufopferung. Wer sein Leben so zubringt, der besitzt die wahre und edele Herzenseinfalt, der ist ein «Tamm» in dem Sinne, wie es «Jaikew Owine» (unser Erzvater Jakob) gewesen ist.