Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1865)
- Date
- 1865-12-01
- Page
- Seite 169 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Schlüssel. 169 „Scholem alechem!" Jüngere Leute! und namentlich Mädchen sagten: „Grüß Ihne Gott!" die altern 'Weiber hingegen gebrauchten die Formel: „Schön Willkumm!" Nach dem Gruß wendete sich jeder Ankommende erst an den Herrn oder die Frau des Hauses und diesen sagte man: „Mit Lieb sei Ihnen Ihr Oirech" und jüngere Mädchen sagten: „Mit Lieb soll Ihnen Ihr Gast sein", worauf dann Lob und Jentel Frank jedesmal freundlich erwiderten: „Bei Ihnen in größeren Freuden!" Die Tische, welche aufgestellt waren, drohten unter der Last der kostbaren Sachen züsammenzubrechen. Damit sich niemand geniren sollte, die Torten anzuschneiden, hat Jentel Frank dies überall selbst gethan und forderte beständig die anwesenden Gäste zum Essen und Trinken ans. Die vornehmeren Leute schaarten sich um den Hrn. Blumenthal, theils uni von ihm verschiedene Neuigkeiten zu erfahren, — denn ein solcher Mann, der aus der Residenzstadt herauskommt und der bei der Firma Schauenstein und Comp. Buchhalter ist, weiß ja immer viel Neuigkeiten zu erzählen — theils und hauptsächlich aber, um dann selbst weiter erzählen zu können, was sie gehört und wie viel sie mit Hrn. Blumenthal gesprochen haben. Die ärmern Leute hielten sich etwas mehr in der Ferne und hörten entweder zu, oder, wenn sie das nicht interessirte, so machten sie gegenseitig ihre Bemerkungen. Leeh Spitz z. B. war ganz Paff, als sie ihn reden hörte und meinte, er sei ein sehr „betamter" (angenehmer) Mensch und sie könnte ihm eine ganze Nacht zuhören, worauf Gitel Zuckerbacherin versicherte: er ist auch wirklich ein sehr „gemeiner" Mensch, womit sie sagen wollte, er sei herablassend; denn er hat ihr, wie sie ihm „Schön Willkumm" gesagt hat, so gut gedankt, wie wenn sie eine Kaiserin wäre. Mechol Pradenik meinte, daß er auch kein „Amhorez" (Unwissender) sei, denn er wirst immer so viel Brocken in seine Red', die man gar nicht versteht, wenn man nicht wenigstens halb „Tnach" (die Bibel) im Kopf hat; und als Schloime Klatschkopf hierauf sich an Mechel Pradenik mit der Frage wendete, ob er es denn verstehe, und ob er halb „Tnach" im Kopf habe, erwiderte dieser: „Wenigstens hütt' ich es haben können, wenn ich in meiner Jugend fleißig gelernt hätt'; denn ich wär' gewiß ein großer «Lamden» (Gelehrter) geworden, wenn ich anstatt in Dorf aus die «Jeschiwe« (hohe Schule) gegangen wär'." Schloime Klatschkopf aber, der das Recht zu Hypothesen für sich allein gepachtet zu haben glaubte, sagte hierauf lakonisch: „Mit «wenn» jagt man den Hund hinaus." Gewiß hätte diese Conversation eine bedenkliche Wendung genommen, wenn nicht Gawriele „Stuffer" (Spaßmacher) rechtzeitig angekommen und die allgemeine Aufmerksamkeit auf sich gelenkt hätte. Gawriele Stuffer war eigentlich das, was man einen Schalksnarr nennt, aber nur seinem Talent nach; denn er machte sich aus der Narrethei keine Profession, sondern er war ein Kuhhäniner und ernährte sich von seinem Handel. Die Narrethei trieb er unentgeltlich, es war dies seine Passion, und er war daher auf „Chassenes" (Hochzeiten) und bei sonstigen Feierlichkeiten, wo er nie fehlte, nur um so lieber gesehen. Sein gefährlichster Concurrent war eigentlich weniger der Schalksnarr, der sx ot'tieio lustig war und sich seine Späße honoriren ließ, als vielmehr Reb Machel Weinfaß. Dieser Mann besaß jene unwandelbare Heiterkeit und fröhliche Lebensanschaunng, wie sie ernsten Männern, die sich behaglich dem mäßigen Genüsse des Weinglases ergeben, nicht selten eigen zu sein pflegt. Doch war die Concurrenz insofern nicht zu fürchten, als jeder der beiden, Gawriele Stuffer sowol wie Reb Machel Weinfaß, ein eigenes Genre cultivirte. Ersterer verhielt sich zu letzterm wie die niedere Posse zur feinern Komödie; erstrer pflegte den derben Spaß, letzterer den feinern Witz, und es kam immer nur darauf an, an welcher Sorte von Lustigkeit jemand mehr Gefallen fand, wenn er dem einen vor dem andern einen gewissen Vorzug ertheilte.