Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1865)
- Date
- 1865-12-01
- Page
- Seite 166 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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166 Jllustr. Monatsh. für die ges. „Nein", sagte Felix, „ich möchte nur wissen, warum Sie eine Brill' tragen?" „Das ist ja alles eins, mein Kind", belehrte ihn Herr Blumenthal, „eine Brille oder ein Augenglas." „Ah so", sagte Felix, „weil man durch die Gläser mit den Augen durchsieht; dann ist dieses Fenster auch ein Augenglas." „In gewissem Sinne wirklich", sagte Herr Blumenthal weiter, „nur ist dies ein anderes Glas und »rächt eine andere Wirkung. Ich kann durch ein gewöhnliches Fensterglas in der Ferne nichts wahrnehmen, weil ich kurzsichtig bin, durch dieses Augenglas aber sehe ich ganz gut. Verstehst du es nun?" „Nein", sagte Felix, „was ist das: kurzsichtig, und worin unterscheidet sich dieses Glas von dem Glas am Fenster, und dann noch etwas: warum ist dieses da von Gold, wie eine Uhrenkette, macht das auch eine andere Wirkung?" „Das dient nur zum Schmuck", sagte Herr Blumenthal, „das wird von Gold gemacht, weil es so schöner aussteht. Was aber kurzsichtig ist, uud welche Wirkung das Glas hat, das wirst du erst begreifen, bis du einmal studiren wirst." „Das kann man studiren?" fragte Felix, und eine freudige Röthe überzog plötzlich sein Gesicht. Für Jentel Frank konnte das Gespräch gar keine günstigere Wendung nehmen. Rasch ergriff sie den Faden: „Glauben Sie, Herr Blumenthal, daß Felix dazu taugen wird?" „Taugen wird er gewiß!" antwortete Blumenthal, „denn dumm ist er nicht; es kommt darauf an, wie weit er vorbereitet ist, und was aus ihm werden soll." „Nach Schabbes zu Gesund", sagte Löb Frank, „wird der Herr Blumenthal die Güte haben, ihn'zu prüfen, um zu sehen, wie weit er ist, und was man mit ihm speculireu soll." „Da kann ich gleich meine pädagogischen Kenntnisse zeigen", sagte Blumenthal, „denn ich war ja auch längere Zeit Lehrer." Die Verschiebung der Prüfung war . Interessen des Judenthums. für Jentel gerade nicht unangenehm; erstlich hatte sie jetzt nicht länger Zeit, weil sie den Schabbes vorbereiten mußte, denn es war Freitag, und zweitens hoffte sie noch ein oder das andere Wort über den Gegenstand mit Herrn Blumenthal allein sprechen zu können. Sie verließ hierauf die Stube, und Felix lief ihr nach, um die Mutter zu fragen, ob er denn studiren werde, worauf die Mutter sagte: „Das hängt davon ab, wie du übermorgen, Sonntag, bei der Prüfung bestehen wirst." Die Ankunft des Herrn Blumenthal hatte auch außer Löb Frank's Hause in der Gasse schon vielfach von sich reden gemacht. Ganz natürlich. War Herr Blumenthal doch in einer Equipage angekommen, wie sie die Leute des Städtchens nur in den fürstlichen Wagenremisen zu sehen gewohnt waren; auch die Pferde konnten es nach der Versicherung von Mordche Fuhrmann — und dieser war ein Kenner in solchen Dingen, dem mau ein richtiges Urtheil wol zutrauen durfte — mit den Pferden in den herrschaftlichen Stallungen aufnehmen. Alles andere aber überbot der gallonirte Kutscher am Bock der Carroffe; denn so was hatten sie sich im Schlafe nicht träumen lassen, daß auch ein Jude so fahren kann wie ein Fürst, mit einem Kutscher in „Unform" (Uniform). Mechol Pradenik, der nicht nur auf seine Person, sondern auch auf die Nation, der er angehörte, stolz war, meinte, wir Inden hätten es doch schon sehr weit gebracht, daß so was passiren kann; denn wo hat man früher gehört, daß eilt Jud' einen Kutscher in „Unform" hat. Schloime Klatschkopf hingegen, in dessen Taschen es so leer war wie auf seinem Schädel, und welcher die Ungunst, mit der ihn das Schicksal bedacht hat, dadurch erwiderte, daß er an allem etwas auszusetzen fand und wenigstens seinen Zweifel gegen die Echtheit gepriesener Dinge geltend machte, trat dem Pradenik auch hier mit dem Zweifel entgegen, ob es denn gewiß sei, daß der in Löb Frank's Hause angekommene Fremde ein „Esrelit" (Israelit) sei, er kann ja ebenso