Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1865)
- Date
- 1865-12-01
- Page
- Seite 165 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Schlüssel. 165 terhaltung theilzunehmen, sie hatte, wie es einer guten Hausfrau ziemt, allerlei zu ordnen und allerlei Aufträge zu ertheilen. Deshalb kam sie blos ab und zu, ging bald, ohne etwas zu sagen, nur freundlich lächelnd durch das Zimmer, in welchem die beiden saßen, bald wieder nahm sie auf einige Minuten, jedoch stehend — denn sich zll fetzen hatte sie nicht Zeit — an dein Gespräche theil und warf hie und da eine kurze, aber kernige Bemerkung! hinein. Felix, welcher ebenfalls im Zimmer war, beschäftigte sich mit der Betrachtung des goldenen Augenglases, welches Herr Blumenthal auf der Nase sitzen hatte, und konnte sich über zweierlei nicht genug wundern; einmal, daß ein so junger Mensch — Herr Blumenthal war ungefähr dreißig Jahre alt — eine Brille trage; denn soviel ihm bisjetzt bekannt war, bedienten sich nur alte Weiber und überhaupt sehr alte Leute der Brillen, und so hatte er die Brille für ein Attribut des Alters gehalten; dann hatte er noch niemals eine Brille von solcher Form, von solcher Eleganz und namentlich von goldener Einfassung gesehen. Diese Betrachtungen füllten ihn so aus, daß er gar nicht darauf achtete, was hier gesprochen wurde, und daß er deshalb die Frage, „ob er sich freue, daß der Herr Blumenthal gekommen sei", welche die eben wieder durchs Zimmer schreitende Mutter an ihn gestellt hatte, gänzlich üherhörte und demzufolge auch unbeantwortet ließ. „Was stehst du da wie ein «Gamel» (Kamel), der kein Maul aufmachen kann?" fragte Lob Frank; „hast du nicht gehört, was die Mutter-Leben dich gefragt hat? Sie werden meinen, Herr Blumenthal", wendete er sich hierauf an feinen Besuch, „der Jung ist stumm oder schüchtern und traut sich kein Wort zu reden; Sie sollten ihn hören, wie er ein Blatt «Gemoreh» (Talmud) mit allen «Meforschim» (Kommentaren) herunterblättern kann." Diese Ermahnung hatte Felix nicht verstanden, und wenn er sich auch durch das 'hinzugefügte Lob über feine Kenntnisse geschmeichelt fühlte, so war er doch vor dem Fremden beschämt und sing deshalb laut zu weinen an. „Was weinst du, Felix?" sagte die Mutter und ergriff rasch die passende Gelegenheit, um ihre Verhandlungen einzuleiten, „er ist nicht gewohnt. Fremde zu sehen, und genirt sich noch ein bissel. Haben Sie nur Geduld, Herr Blumenthal, er wird schon reden, er kann noch etwas mehr als ein Blatt «Gemoreh«, er kann auch die deutsche Sprachlehre. Wenn Sie ihn prüfen werden, so werden Sie sehen, was er alles kann, nicht wahr, Felix?" Durch diese liebreiche Wendung der Mutter aufgemuntert, sagte Felix: „Ja, ich kann schon die ganze Sprachlehre. Warum tragen Sie eine Brill'?" Er sagte das alles so in einem Athemzug, als ob sich die Verbindung zwischen der deutschen Sprachlehre und der Brille von selbst verstünde. „Pfui", sagte die Mutter, „das ist unartig." Hier hatte sie zum ersten mal Ursache, etwas zu thun, was sie bisher, wie sie dem Arzt versichert hatte, niemals zu thun brauchte. „Jetzt fangt er an, aufzuthauen", bemerkte Löb Frank; Herr Blumenthal aber sagte: „Lassen Sie ihn nur fragen; ein Kind, das Fragen stellt, seh' ich gern: es ist immer ein Zeichen von Aufgewecktheit." „Nun, dann werden Sie bei Felix gut ankommen", sagte Löb Frank, „er wird Ihnen genug zu antworten geben; sein Lehrer sagt mir, er fragt ihn alle Tag' hundert Sachen. Es ist aber ein Sprichwort: «Ein Narr kann mehr fragen, als hundert Weise beantworten können»." Der Vater war in diesem Augenblick von jener wunderlichen Grille beherrscht, die man häufig und namentlich bei Aeltern in Bezug auf ihre Kinder findet, diese nämlich, mit dem Munde zu tadeln, was man mit dem Herzen lobt; denn er lächelte beifällig und war innerlich erfreut, als Hr. Blumenthal auf seine Bemerkung erwiderte: „Nur ein dummes Kind nimmt alles so, wie es liegt, ohne daß ihm dabei etwas aufsällt; frage nur zu, Felix! Was willst du wissen? Warum ich ein Augenglas trage?"