Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1865)
- Date
- 1865-12-01
- Page
- Seite 164 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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164 Jllustr. Monatsh. für die gef. Interessen des Judenthums. dem Kennerblick des Hrn. Blumenthal in keiner Weise zu schämen brauche. Jentel war über den angekündigten Besuch nicht minder vergnügt als ihr Mann, wenn auch aus ganz andern Ursachen. Nicht als ob sie gleichgültig gewesen wäre gegen die ihrem Manne bevorstehende Auszeichnung; sie war klug genug, um vollkommen den Vortheil und den Segen einer wohlgeordneten Geschäftsführung zu begreifen, die den Menschen jene Sicherheit gibt, deren sich nur sorgenfreie Existenzen im Leben erfreuen. Auch liebte sie ihren Mann, und wenn er geehrt wurde, sie wurde es mit ihm. Ja selbst von der Eitelkeit der Frau, daß sich auch an der wohleingerichteten Haushaltung nichts tadeln ließ, die sie nach ihrem Sinne verwaltete und die sich, was Nettigkeit und Ordnung betrifft, mit dem Geschäft ihres Mannes messen durfte, war sie keineswegs frei, und gegen eine etwaige Lobeserhebung von seiten eines an Luxus und Comfort gewöhnten Städters war sie nichts weniger als unempfindlich. Bei alledem aber lebte in ihr ein idealer Zug, der, wenn es auf die Dinge ankam, die ihr als das Höchste galten, doch alle anderartigen Motive in Schatten stellte. Ihr seines Gefühl sagte ihr, daß Felix ihr in diesem Punkte glich und daß er zu etwas Großem auf der Welt bestimmt sei, und mit richtigem Jnstinct fühlte sie voraus, daß sich an den Besuch des Hrn. Blumenthal eine neue Wendung der Dinge knüpfen werde. Hatte sie doch schon, als sie vor längerer Zeit mit dem Lehrer sprach, gesagt, sie erwarte einen Besuch und sie wolle dann mit ihrem Felix keine Schande aufheben. Hatte sie doch damals schon geäußert, sie habe ihren Plan mit Felix, und wenn sie diesen auch vor dem Lehrer nicht enthüllte, so war er doch nichtsdestoweniger in ihr lebendig. Wußte sie auch noch nicht, wie, so wußte sie doch, daß irgendetwas geschehen werde; denn da ihr bekannt war, in welchem Grade Hr. Blumenthal von ihrem Manne geachtet wurde, so hielt sie es für ausgemacht, daß Löb Frank ihren Rath in Bezug auf Felix desto lieber annehmen würde, wenn er von diesem Manne unterstützt würde, ja vielleicht sogar von ihm ausging, und daß dies der Fall sein sollte, dafür, sagte sie sich, wolle sie schon sorgen, wenn nur Hr. Blumenthal erst anwesend ist. Felix, den dieser bevorstehende Besuch scheinbar gar nichts, in Wahrheit aber mehr anging, als er selbst oder ein anderer bisjetzt vermuthen konnte, wurde von der Nachricht blos in jene Neugierde versetzt, welche in kleinen, beschränkten Kreisen immer entsteht, sobald einer neuen Erscheinung, sei dies nun eine Persönlichkeit oder Sache, entgegengesehen wird, namentlich aber bei Kindern. Denn in der Kindheit werden die Ereignisse, wenn sie auch noch so unscheinbar sind, mit ganz anderer Lebhaftigkeit ausgenommen als in spätern Jahren, wo der Mensch nach so manchen bittern Erfahrungen und Enttäuschungen, die ja keinem Sterblichen weder im Palast noch in der Hütte erspart bleiben, anfängt, sich mehr und mehr auf sich selbst zu beschränken und gegen die Außenwelt abzuschließen. Das Herz des Kindes ist weich uud bildsam. Ein Wort, absichtslos hingeworsen, in dem Gemüth eines Kindes aber aufgefangen, ist oft die Ursache eines glücklichen oder verfehlten Erdenwallens. Felix wußte jetzt noch nicht, daß ein solches Wort, ohne besondere Beziehung aus dem Munde Blumenthal's hervorgegangen, in seinem spätern Leben noch eine sehr bedeutsame Rolle zu spielen bestimmt sei; vorläufig sah er, wie schon gesagt, dem Ereigniß mit ganz gewöhnlicher Neugierde entgegen. Nirgends im Hause herrschte aber eine freudigere Aufregung als in der Küche, nachdem die frohe Botschaft bis dahin gedrungen; denn , so ein Buchhalter aus so einem Hause, der wird sich nicht spotten lassen; da wird es ein Letztgeld geben, daß manche „Kalle" (Braut) sich nach einem solchen „Droscheschenk" (Hochzeitsgeschenk) zu der „Chassene" (Hochzeit) alle zehn Finger ablecken könnte. Der ersehnte Tag war erschienen, Herr Blumenthal saß bereits mit Löb Frank im eifrigsten Gespräch. Jentel hatte nicht Zeit, ungestört an der Un-