Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 3 (Dezember 1865)
- Date
- 1865-12-01
- Page
- Seite 163 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Der Schlüssel. 163 ja für Lob Frank verletzend ausgedrückt; denn in ihrem Eifer hat sie alle Geschäftsleute unter der Kategorie „Dorfgeher" zusammengefaßt, während sie doch sehr gut wußte, daß Löb Frank zum Beispiel eben kein Dorfgeher ist. Dieser Härte und Unzartheit ist sie sich auch, wie wir wissen, später deutlich bewußt geworden, und deshalb vermied sie es, auf den Gegenstand zurückzukommen. Sie schwieg also, um eine unangenehme Erinnerung nicht wach zurufen, da sie nicht wissen konnte, wie tief sich dieselbe in das Gedächtniß ihres Mannes eingegraben, und er schwieg, weil sie — schwieg; er dachte: wird sie auf ihrem Willen bestehen, gut, wenn aber nicht, desto besser; ich muß nicht derjenige sein, der sie daran erinnert. Hierin liegt die Erklärung dieser scheinbaren Merkwürdigkeit, welche man in dem Schweigen über Felix zu finden geneigt sein könnte. Seitdem aber Jentel Frank durch die Mittheilungen des vr. Berger darüber belehrt wurde, daß Löb Frank ihrem Willen nicht nur keinen Widerstand entgegensetzen werde, sondern daß die von ihr gewünschte Laufbahn des Knaben auch bei ihm beschlossene Sache sei, freute sie sich innig und suchte nach einer Gelegenheit, um die Sache zur Sprache zu bringen. Hundert solche Gelegenheiten hätten sich statt einer gefunden, wenn Jentel sie nur hätte benutzen können. Einer Mutter fehlt niemals ein Anlaß, um mit ihrem Manne über ihr Kind zu sprechen; aber bei Jentel war es anders, so richtig dies auch im allgemeinen ist; sie hatte bei aller Entschlossenheit ihres Wesens eine gewisse Scheu, über diese Sache mit ihrem Manne zu sprechen, so oft sie auch dazu deu Anlauf nehmen mochte. „Der «Dorfgeher» geht mir nicht aus dem Kopf", sagte sie dann, um die eigene Schwäche vor sich selbst zu entschuldigen. Mit einem mal trat ein Ereigniß ein, welches, so geringfügig es auch an sich sein mochte, im Zusammenhang mit den bisher geschilderten Vorgängen und Stimmungen betrachtet, ganz geeignet war, die lange verhaltene Rede zum Ausbruch zu bringen und eine neue Wendung der Dinge herbeizusühren. Der von Jentel Frank erwähnte Besuch, als sie dem Lehrer den Auftrag ertheilte, der deutschen Sprachlehre seine Aufmerksamkeit zuzuwenden, stand nahe bevor. Herr Blumenthal wurde für den nächsten Sabbat als Gast im Hause Frank erwartet. Herr Blumenthal war Buchhalter im Hause Schauenstein und Comp, in Wien, eine Firma, mit welcher Löb Frank in lebhaftem Geschäftsverkehr stand. Theils wegen einiger nothwendiger Abrechnungen und Schätzungen, die nur an Ort und Stelle vorgenommen werden konnten, theils um ein schon wiederholt gegebenes Versprechen einzulösen, hatte sich Herr Blumenthal für die nächsten Tage angekündigt, und der Postbrief, welcher diese Nachricht gebracht, versetzte das ganze Haus in eine angenehme Aufregung. Löb Frank freute sich, daß der Buchhalter der Firma Schauenstein und Comp, chm die Ehre seines.Besuchs erwies; denn wenn der Buchhalter kommt, so ist dies so viel, wie wenn die Firma selbst käme. Kaiser und Könige können auch nicht immer persönlich erscheinen, um den zu ehren, den sie auszuzeichnen wünschen; da thut es denn in der Regel ein Gouverneur, ein Statthalter oder ein Minister, welcher zwar selbst kein Kaiser und kein König ist, der aber nichtsdestoweniger als sein Stellvertreter erscheint und mit königlichen Ehren überhäuft wird. So, meinte Löb Frank, nachdem er den Brief zum wiederholten mal durchgelesen hatte, könne auch der Chef der Firma Schauenstein und Comp, nicht überall persönlich erscheinen, denn er dürfte sonst das ganze Jahr hindurch keine einzige Nacht in seinem eignen Bett schlafen. Dem Repräsentanten der Firma aber, dem Buchhalter, nahm er sich vor, alle möglichen Ehren zu erweisen, die er nur dem Chef selbst hätte erweisen können. Er freute sich aber nicht nur wegen der Ehre, die ihm zutheil werden sollte, sondern als praktischer Geschäftsmann fand er eine besondere Befriedigung in dem Bewußtsein, daß sich auch die Firma Löb Frank selbst vor 11*