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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-11-01 · Heft 2 (November 1865) · p. Seite 159

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 2 (November 1865)
Date
1865-11-01
Page
Seite 159 (sequence 79)
Language
German
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Zur Tagesgeschichte. 159 Der Mensch hört verzweifelnd von öer einen Seite die Glocken der Kirche, von der andern Seite die Glocken der feudalen Burgen läuten. Sie läuten, als ob sie in alle Ewigkeit so forttönen dürsten. Doch «einst kehrt die Gerechtigkeit zurück! Laß diese eiteln Glocken, mögen sie mit dem Winde plaudern.... härme dich nicht ob deines Zweifels (an der Gerechtigkeit). Dieser Zweifel ist schon der Glaube. Glaube, hoffe! Das verletzte Recht wird wieder eingesetzt werden; es wird zu Gericht sitzen, es wird im Dogma wie in der Welt aufräumen.... Und dieser Tag des Gerichts, er nennt sich — die Revolution!» „Die Französische Revolution von 1789 hat den Einfluß des Mittelalters nicht völlig gebrochen; wir leiden noch immer unter demselben. Aber wir wissen jetzt, daß von Indien bis 1789 ein Strom von Licht, Recht und Vernunft sich hinzieht. In 89 hat sich die Rasse des hohen Alterthums wiedergesunden; das ist unsere Heimat, das Mittelalter ist für uns die Fremde. Es folgt daraus, daß wir dem Mittelalter den Rücken kehren und uns zur Heimat, zur Quelle des Lichts, nach Indien zurückwenden müssen. Wissen und Bewußtsein (Loieueo et Eou- 8eieuee) werden uns führen. Wir müssen in den Vedas lernen, wieder Menschen zu werden. Wir müssen den zerstörten Familienherd wieder aufrichten und ihn unter den Schutz der wahren Menschlichkeit, der Gerechtigkeit stellen. Dann wird auch der Altar wieder erscheinen. Ein Strahl der allgemeinen Weltenseele wird ihn erleuchten, welche nichts anderes ist als die Wahrheit und Gerechtigkeit (cku8te886 et '1u8tiee), die untheilbare und unveränderliche Liebe." „Dies ist in großen Umr'ssen der Inhalt von Michelet's Likis <1e I'Huumnite. Indem wir uns Vorbehalten, aus derselben gelegentlich noch gewisse Einzelheiten mitzutheilen, bekennen wir gern, daß wir nicht im entferntesten im Stande gewesen sind, die feinen und weithin verzweigten Züge wiederzugeben, welche der geistvolle Verfasser in sein Bild der menschlichen Geschichte eingezeichnet hat. Bekennen wir aber auch, welche Schwächen uns darin aufgefallen sind. Wir dürfen uns dabei mit Kleinigkeiten nicht weiter beschäftigen, sondern wollen nur auf den allgemeinen Einwand zurückkommen, den wir schon früher ausgesprochen haben: Die Bibel der Menschheit ist vom einseitigen Standpunkt des Japhetismus aus geschrieben. Es wird den Lesern schon aus unserm Resume erhellen, daß alles Licht auf seiten der Japhetiten, aller Schatten auf seiten der Semiten ist. Licht und Schatten würden sich gleichmäßiger vertheilen, wenn der Verfasser vom Standpunkt des Japhetismus aus besonders drei Punkte hätte berücksichtigen können. „So viel Wahres nämlich erstens die Schilderung von der Trostlosigkeit des Mittelalters enthält — welcher Unbefangene würde auch wol dein Urtheil über die Unnatur jener Dogmen widersprechen wollen — so hätte es sich doch wol empfohlen, zwei Bewegungen zu beachten, in welchen sich, lange vor der Revolution von 1789, der freie Geist der Menschheit der herrschenden Kirche gegenüber regte: die mittelalterliche Kunst und die Reformation. Jene war ein unwillkürlicher Versuch, die drückende kirchliche Atmosphäre zu ventiliren, diese ein direeter Stoß gegen die Herrschaft des Dogmas, vorbereitet durch die Bestrebungen der Humanisten. Wenn beide Bewegungen ihr Ziel nicht erreichten, so läßt sich doch ihre Bedeutsamkeit immerhin nicht hinwegschweigen. In der Reformation hätte der Scharfblick des Verfassers wenigstens Eins erkennen sollen: den guten Willen, dem menschlichen Geiste wieder eine unmittelbare Einwirkung auf sein Geschick zu verschaffen. Noch immer erlauben wir uns, den Erben der Reformation, den Protestantismus, als den Begleiter, wenn nicht Beschützer des freien Gedankens zu betrachten. Und der Kunst des Mittelalters war wol ein kleiner «Vers» in der Bibel um so mehr zu gönnen, als Michelet selbst erklärt, nicht eine bloße Geschichte der Religion geschrieben zu haben, sondern dem allgemeinen Lebensfaden gefolgt zu sein, welcher aus den einzelnen Fäden der Liebe, der Familie, der Religion, des Rechts, der Kunst und der Industrie gesponnen ist. „Zweitens scheint vom Standpunkt des Japhetismus die Bedeutung des Christenthums unterschätzt worden zu sein. Ist diese Bedeutung in der That so gering? Mußte sie mit dem Kapitel «Triumph der Frau» abgespeist werden? Gewiß nicht! Eine höhere Stelle nimmt das Christenthum ohne allen Zweifel in der Geschichte ein, als ihm hier gegönnt worden ist. Dem Verfasser hat, wie es scheint, immer nur die christliche Kirche, nicht die christliche Religion vorgeschwebt. Das traurige Schicksal des Christenthums im Mittelalter hat ihm den Blick getrübt. Freilich wurde die Richtung, nach welcher die Menschheit beim Verfall des Römerthums den Anlauf nahm, im Mittelalter völlig verfehlt. Aber ist das Ehristenthum in seinem Wesen etwa nichtig, weil es seit einer Hand voll Jahrhunderte — einer Ewigkeit der Zukunft gegenüber! — in die Fesseln des Priefter- Lhums geschlagen ist und im Gefängniß des Dogmas den Verlust seiner Freiheit betrauert? Dieses Schicksals ungeachtet nimmt das Christenthum, im Princip, auf der Leiter des menschlich geistigen Fortschritts bisjetzt die höchste Stufe ein. Die Menschheit war in ihrem Entwickelungsgang bis zur Bildung des Staats gelangt. Das Recht saß auf dem Throne. Aber das Recht gewährt der Gesellschaft keine Bindemittel; im Gegentheil, es trennt die Menschheit; bei seiner Tendenz, alle Bezüge mit des Messers Schärfe zu schneiden, bildet es in seinen letzten Consequenzen nur abgeschlossene Individuen, zersetzt

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