Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 158 (sequence 78)
- Language
- German
- Belongs to
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158 Jllustr. MonaLsh. für die ges. Interessen des Judenthums. der Liebe, die schwärmerische Erinnerung an die Todten, den Todtencultus. Syrien entwickelte jenen st nlichen, schwelgerischen, entnervenden Cultus, welcher, mit Adonis und Bacchus an der Spitze, die Welt durchzog, mit seiner Ueppigkeit auch das kräftige Nom inficirte und den folgenden Zeiten den Stempel der Kraftlosigkeit aufdrückte. Judäa gab den Gott-Herrn, den Glauben an die Bevorzugung des sündigen Menschen, die zaghafte Idee vom Messias und das moderne Priesterthum. „Hier beginnt die Decadenz des Menschengeschlechts. Aber Rom! Nun ja, Nom hat sich noch unter der Inspiration Griechenlands zum großen Meister der Rechtsweisheit emporgeschwungen. Rom erbte die damalige Welt, aber es erbte eine bereits abgethane Welt. Es wurde von den orientalischen Sitten überflutet, und so sehr es sich — in den Punischen Kriegen z. B. — gegen die unterwühlenden Einflüsse derselben sträubte - es unterlag ihnen nicht minder wie Griechenland. Orientalische Ueppigkeit zieht mit der orientalischen Welt in Rom ein. Rom gibt sich, übermüthig wie es durch die Weltherrschaft geworden ist, dem Rausch hin; es erschlafft, seine sittliche Kraft siecht dahin. In diesem Zustande der Erschöpfung kann die neue Lehre nur willkommen sein, welche von Nazareth aus gegen Nom anrückt. „Was ist das Christenthum? Nichts als der Triumph der Frau, die Fortsetzung eines orientalischen Frauencultus, wie er aus dem (nicht anerkannten) ersten Evangelium, dem Protevangelium Jakobi, ersichtlich ist. -.Es ist daher nur logisch, daß das Christenthum, das von der Jungsrau empfangen und geboren ist, mit dem Dogma der unbefleckten Empfängnis; abgeschlossen hat.» — Alles am Christenthum ist weiblich: sein Ursprung — ohne Maria kein Jesus; seine Entwickelung — sie erfolgte vornehmlich mit Hülse der Frauen; die Priesterschaft — die Frau ist in der griechischen Kirche bis zum Jahre 369 Priester; vor allem das Gesetz der Gnade, das den Gegensatz zu der männlichen Vernunft und der männlichen Gerechtigkeit bildet. „Diese Weiblichkeit und Weichheit einer Lehre, welche sich in directen Widerspruch mit dem gewöhnlichen Lauf der Dinge setzt, reizt die erschlaffte römische Welt. Aber wie zeigt sich ihr Einfluß? Spornt sie die Welt zu geistigen Thaten an? O nein! Sie versetzt die entnervte Gesellschaft mit einem Agens, das die Auflösung aller staatlichen und socialen Ordnung zur Folge haben muß. Die Menschheit wird vom Lebensüberdruß erfaßt. Die Welt will sterben. Noch entspinnt sich ein Kampf zwischen den Stoikern und der Priester- Frau. Vergebens aber rufen jene die Welt zur Anstrengung, zur Arbeit auf; es tönt zurück: Die Lilie, sie arbeitet nicht, sie spinnt nicht, und ist doch besser gekleidet als Cäsar! — Juristen, Behörden, Philosophen verlangen von der kranken Welt, sie solle leben. Unerhörte Forderung! Die Stimme der Frau lispelt: Es ist so süß, das Sterben! — Was wird aus dem Julischen Gesetz, dieser osficiellen Verherrlichung der Ehe? O, wer wird sich noch verbinden, Leben Hervorbringen wollen für eine Welt, welche morgen stirbt? Das Fleisch muß getödtet werden, den Leib möge Gott gänzlich abschaffen! — Keine Gesetze, keine Kunst mehr! Kein Reich weiter als das über uns! Nieder mit dir, eitle Weisheit, schlage die Augen nieder, Vernunft, und du, Gerechtigkeit, steige herab von deinem Nichterstuhl! Höher als dein falsches Recht wird künftig der Sünder sitzen — seine Sünde ist das Feld, auf welchem die Gnade triumphirt!. „Das menschliche Selbstbewußtsein, auf dem die Kraft der alten Welt beruhte, sinkt vor der Gnade dahin. Das Gefühl der Schwäche wird selbst unter den Legionen des römischen Staats epidemisch. Auch diese Stütze des Reichs schwankt, und vergeblich gibt man dem Heere in Mithra einen Gott der Energie. Mithra selbst folgt dem allgemeinen Bußzuge, und die Barbaren können ungehindert in das Reich Hereinbrechen. „Sünde, Buße, Gnade — das ist der Kreislauf von Ideen, welcher von den Kirchenvätern in Bewegung gesetzt wird. Die Welt wird zu einem Knäuel von Sünde. Alles darin ist sündig: die Pflanze, weil sie als Baum die Schlange trug, von welcher Eva verführt wurde; das Thier, weil es nur eine Maske für den Dämon ist, der ewig zur Sünde verleitet; der Mensch, weil er der Liebe folgt, die in ihn gepflanzt ist; selbst das Kind ist schon im Mutterschos unrein, sündig, verdammt von Anfang an, denn es ist die Frucht sündiger Liebe. Keine Familie mehr im Sinne der Alten! Der Gatte hat die Gattin als Jungfrau zu betrachten. Der heilige Name --Vater» gebührt nicht mehr dem Familienhaupt; das Kind gehört nicht ihm, sondern der Mutter; ist es doch vom Heiligen Geiste empfangen! Der Gatte ist Knecht, ist Thier. Und wie die Familie, so erscheint die ganze äußere Gesellschaft. Die Mutter und das Kind bilden ein Volk, der Mann ist ein besonderes Volk, steht aber tief unter jenem. Noch mehr: der Mann kann das Kind nicht lieben, es ist ihm fremd; die Mutter aber darf es nicht lieben, weil ihm die Sünde angeboren ist. — So wird von den Gesetzgebern der christlichen Kirche dreist die Familie zerstört, die Natur auf den Kopf gestellt, Gott selbst aus der Natur verbannt. Kein Wunder, daß der unterdrückte Mensch den Untergang der Welt herbeisehnt als das einzige Mittel zur Befreiung von der Last ewiger Buße, von der Grausamkeit der christlichen Liebe! „In solcher Unnatur stellt sich das Christenthum des Mittelalters dar — der schroffste Gegensatz zu den natürlichen Culten der Jndogriechen. Die Welt seufzt unter dem doppelten Druck des Dogmas und des Feudalismus.