Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 157 (sequence 77)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2417805-2417813-2417815--675-2418516- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Zur Judenfrage in Ungarn. 157 gehörigen ebenso gut wohnt und wirkt, als in dem christlichen. Noch eine bescheidene Frage. Gibt es auf dem „Territorium des heiligen Stephan" auch nur einen einzigen Volksstamm, der den ungarisch-nationalen Bestrebungell so ehrlich, so aufrichtig, so innig sich angeschlossen, als der tiefgekränkte, zurückgewiesene, unterdrückte, mishandelte Jude? Gibt es noch sonst eine Nationalität, die Sprache, Literatur, Sitten und Gebräuche der Ungarn mit so vielem Eifer, mit fast kindlicher Hingebung gehegt, gepflegt, gefördert, geschützt und gestützt, als der verlachte, verspottete, verhöhnte und unaufhörlich gehetzte Jude? Haben die Inden sich nicht stets extensiv und intensiv als Ungarn bewährt? . . . Sind ferner nicht die Juden eben die größten Märtyrer der ungarischen Sache geworden? Nicht auf offenem Kampfplatze blos floß jüdisches Blut für Freiheit und Vaterland in reichem Maße — auch die in ihren friedlichen Wohnungen Zurückgebliebenen fielen als Opfer ihrer unverhohlenen ungarischen Gesinnung. In Zenta, Ada, Petro woßelo und sonstigen serbischen Ortschaften sind dieselben während der verhängnißvollen Wirren der Jahre 18-L8—49 nickt als Juden, sondern als Ungarn mit kannibalischer Wllth hingewürgt worden. Und wurde nach Beendigung des traurigen Kampfes voll seiten der österreichischen Regierung über die Israeliten kein größeres Strafausmaß verhängt als über die Ungarn selber? . . . Es sind dies Facta, die nicht aus den Notizen vergilbter Pergamentrollen erst herausdeducirt werden müssen; es leben diese vielmehr in ihrer ganzen schrecklichen Gestalt im frischen Angedenken der Zeitgenossen. Wahrlich, ein sonderbares Geschick das, von dem dieser Volksnamm unablässig verfolgt wird. In Oesterreich wurden die Juden ihrer ungarisch eil Sünden wegen verurtheilt; in Ungarn werden selbe noch immer als antinationales Element behandelt, mishandelt. Diese Auseinandersetzung dürfte wol genügen, um zu ersehen, wie wenig die Ausnahmsstellung der Juden in Ungarn als politisch gerecht erachtet zu werden verdiene. Ob diese jedoch mindestens politisch klug — hierüber in wenigen Tagen. (Fortsetzung folgt.) Chronik. Perjonalnachrlchten. Herr vr. Leopold Kompert wurde vom Großherzog von Sachsen-Weimar durch eine Ordensverleihung ausgezeichnet. Herr vr. Heinrich Brentano, Professor an der Handels- und Gewerbeschule in Fürth, wurde am 25. Oct. als deren Rector installirt; es ist dies das erste Rectorat, welches in Baiern einem Juden verliehen wurde. Literatur, Suchhandel und Presse. Das „Magazin für die Literatur des Auslandes", auf welches hinzuweisen wir schon mehrfach Gelegenheit fanden, bringt eine vortreffliche Charakteristik von Michelet's soeben erschienener „Bibel der Menschheit". Wir reproduciren hier den „Die Semiten und ihre Geistesverwandten" behandelnden Theil (gez. von „G. H." in Rr. 42): „Wir haben in unserm ersten Artikel mitgetheilt, was Michelet über die Bibel der Japhetiten sagt, welche letzteren er als „Völker des Lichts" bezeichnet-, wir treten nun mit ihm in das Gebiet der Semiten ein, die er, sowie ihre angeblichen Geistesverwandten, „Völker des Zwielichts und der Finsternitz" nennt. Es sind, fügt er hinzu, Völker, welche von Priestern geleitet und beherrscht werden: Aegypter, Syrer, Juden. Ihre Culte entfernen sich mehr und mehr von der freien offenen Natur. Sie find zum Theil sentimental in Aegypten, rein sinnlich in Syrien, der Natur völlig widerstrebend bei den Juden. Die freie selbstbewußte Schöpfung hat aufgehört; die Offenbarung beansprucht schließlich den Glauben. Alle drei Völker haben wichtigen, aber ungünstigen Einfluß auf die spatern, selbst auf die modernen Zeiten ausgeübt. Aegypten, das größte Monument des Todes auf der Erde, gab die Sentimentalität