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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-11-01 · Heft 2 (November 1865) · p. Seite 155

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 2 (November 1865)
Date
1865-11-01
Page
Seite 155 (sequence 75)
Language
German
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Zur Judenfrage in Ungarn. 155 Tagen bei uns eine ähnliche Frage überhaupt noch existirt! . . . Vierter Gries. Bihar, 25. Aug. 18l'.5. Ein ganz eigentümliches Problem diese Judenfrage! Ja, es ist diese in dem Maße unbegreiflich wie das Volk, das sie betrifft. Wird eine Idee einmal von den Zeitgenossen als eine Wahrheit anerkannt, so kann selbe auch nicht mehr immer und immer in Zweifel gezogen werden; ihre Lebenseristenz ist nunmehr eine unbestreitbare, gesicherte. Nicht so die Judensrage. Wie viel mal ist dieselbe bereits Gegenstand parlamentarischer Debatten und Verhandlungen gewesen, wie viel mal hat sie bereits eine ihre ganze Breite und Tiefe umfassende Erörterung erfahren! Und doch tritt uns stets die problematische Erscheinung entgegen, wonach sie in jedem einzelne!: Staat, in jeden: einzelnen Lande, wo ihr einige Aufmerksamkeit zugewendet wird, vor: neuem ventilirt, nach neuen weiten hin erfaßt und durchsprochen Werder: müsse. Wenn die Juden in Amerika gleich dein: Beginn seiner selbständigen Constitution vollständig emaneipirt wurden, so mußte diese Angelegenheit in der Folge in Frankreich, Holland, Belgien und andern Staaten neuerdings alle Entwickelungsphaser: durchmachen. Angesichts dieses Umstandes dürfen Sie es wol natürlich finden, daß ich dieser Angelegenheit eine eingehende, umfassende Erörterung zutheil werden lasse, selbst auf die Gefahr hin, hier zum großen Theil bereits Bekanntes zu reprodueiren. Im allgemeinen möchte ich diesen Gegenstand von dreifachem Gesichtspunkte aus gewürdigt wissen; von politischem, volkswirtschaftlichem und religiösem. Eine noch speciellere Betrachtung der Frage — später. Betrachter: wir also vor allem die politische Seite unserer Frage, die in einem meiner Briefe ohnehin' bereits berührt wurde. Da ist's vorzugsweise befremdend, daß in Ungarn heutzutage ein solcher Gegenstand noch zur Ventilirung gelangt . . ., in Ungarn, wo gegen jede Unterdrückung der Freiheit, gegen jeden Dctroyirungsversuch so viel, so überaus viel und mit unerschütterlicher Ausdauer gekämpft wurde, gekämpft wird! Zwei Punkte müssen hierbei ins Auge gefaßt werden: n) Hatten die Jude:: je gerechten Ansprucb auf die staatsbürgerlichen Rechte?' d) Hatten: die Juden etwa im Lauf der Zeit ihre diesfälligen Rechte in Ungarn infolge antinationalen Verhaltens u. dgl. selbst verwirkt? Diese zwei Punkte müssen die Ungarn, bevor sie zur Lösung der Judenfrage scbreiten, vor ihr politisches Gewissen sich führen und einer ernstlichen, unparteiischen Prüfung unterziehen:. Der erste Punkt: ob die Juden nämlich auf die staatsbürgerliche:: Rechte je gerechten Anspruch gehabt — kann durchaus nicht von speeiell ungaris ch em, sondern von allgemein m e n schlichem Standpunkte aus erörtert werde::. Alle auf der Höhe der Zeit stehenden eivilisirtel: Staaten haben hierfür blos ein unbedingtes, einstimmiges: Ja. Freilich kann die Emaneipation der Juden trotz dieses Geständnisses noch immer nicht überall platzgreifen; allein da werden in der Regel zur Hintanhaltung derselbe:: ganz andere Motive, die zum großen Theil localer Natur sind, geltend gemacht. Ungarn kann nicht, darf nicht dieses „Ja" umstoßen. Es verdient mithin der zweite Punkt nur: ob die Juden nämlich ihre diesbezügliche:: Rechte in U n g a r n nicht selbst verwirkt — eine ernste Erwägung und Untersuchung. Auch hierüber kann indeß die Antwort ebenso kurz als präcis lauten: Die Juden haben ihre politischen Rechte nicht verwirkt; sie haben diese gar nicht verwirken können! Rücksichrlich einzelner Individuen wäre eine ähnliche Hypothese eben nicht unmöglich, wenn dies gleich, auch dann vorerst bewiesen werden müßte; in Bezug auf einen Volks stamm jedoch ist jede Verwirkungstheorie eine unhaltbare, verwerfliche. Ein ganzer Volksstamm, eine Nation, eine Glaubensgenossen-

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