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Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums · 1865-11-01 · Heft 2 (November 1865) · p. Seite 154

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Journal
Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
Volume
II. Band (1865-1866)
Issue
Heft 2 (November 1865)
Date
1865-11-01
Page
Seite 154 (sequence 74)
Language
German
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154 Illustr. Monatsh. für die ges. Interessen des Judenthums. gung und Würdigung dieser Sache als dringend, als unabweisbar erscheinen läßt. Ein flüchtiger Rückblick auf die Geschichte unserer jüngsten Vergangenheit dürfte meine Behauptung in ihrem ganzen Umfange bestätigen. Vor allem: wodurch haben wir im Jahre 1848 den Unwillen, den Haß, die Antipathie, den bewaffneten Widerstand fast sämmtlicher Nachbarvölker gegen uns heraufbeschworcn? Gewiß blos durch eine etwas zu scharfe Ostentation mit der eigenen Nationalität! Dieses — gelinde gesagt— unkluge Gebaren in einein Zeitpunkte, wo einheitliches Zusammenwirken die unerläßlichste Bedingung jedes Gelingens war — es erzeugte die unheilvolle Zumuthung: die Ungarn beabsichtigen die Freiheit blos für sich allein zu erringen, um die auf ihrem Territorium wohnenden nichtungarischen Volksstämme mit um so größerm Erfolg unterdrücken, erdrücken zu können. Daß die Befürchtung eine vollkommen ungegründete gewesen, dürfte schon ans dem Umstande erhellen, indem eine Nation wie die ungarische, die ans dem Boden und im Schose des Constitutionalismns großgezogen, eine Nation, deren Vcrfassungsleben fast ein Jahrtausend seines Bestehens hinter sich hat — unstreitig mehr Reise, mehr Takt besitzt, als daß selbe eines solch monströsen politischen Fehlers fähig wäre. Trotzdem fanden ähnliche Verdächtigungen viel Glauben. Die vermeintlichen Sonderinteressen der Ungarn waren es, die einen bedauernSwerthen Bruderzwist provocirten und der gemeinsamen Freiheit den Todesstoß versetzten. Und doch muß zugestanden werden, daß zu diesen Verleumdungen und Verdächtigungen mit all ihren Consequeuzen wir selbst den ersten Impuls gegeben. So oft wir die nationale Seite unserer staatsrechtlichen Frage zu sehr nach außen kehren, dürfte es kaum an Individuen fehlen, die, hieraus politisches Kapital schlagend, die Ungarn des unberechtigten Separatismus, der Erclusivität zeihen werden, die ihre Freiheit durch die Unterdrückung anderer zu erringen suchten. Doch ein Wort unter vier Augen! Gibt es in der That keinen Volksstamm, dem gegenüber die Ungarn in Wirklichkeit von jeher eine exclusive Richtung eingeschlagen und diese im socialpolitischen Leben mit vieler Conscquenz dnrchgeführt? . . . Leider auch einen solchen Volksstamm gibt es; es ist der — jüdische. Die gegen diesen Theil der Landesbevölkerung mehrfach bekundete „Engherzigkeit" ist keine den Ungarn absichtlich angedichtete, keine imaginäre; sie ist eine wirkliche, thatsächliche, unleugbare. Da ist der riesige politische Schnitzer, den die Ungarn wirklich gemacht, indem selbe durch die ungerechte Ausschließung der Juden die Freiheit in ihrem Gange wesentlich beengten. Wir vindiciren uns das Verdienst, die Herolde der Freiheit in Oesterreich zu sein. Kein wahrer Freund der Wahrheit dürste uns je dieses ehrenvolle Epitheton streitig machen wollen. Allein wie kommt es denn j daß wir bei und trotz alledem von den übrigen Bcstandtheilen des österreichischen Kaiserstaats in letzterer Zeit in dieser Beziehung so sehr überflügelt wurden? Im Reichsrath haben Juden soitz und Stimme, in Wien und Prag sind Juden als Universitätsprofessoren thätig — im Lande der eigentlichen Freiheit jedoch, in Ungarn, sind diese noch keine Bürger; sie sind nicht emancipirt! Nein, so kann es nicht bleiben, so bleibt's nicht. Das unerschütterliche Axiom muß endlich zur allgemeinen Geltung gelangen, daß die Freiheit keines Staats in genügender Weise gewährleistet ist, solange diese irgendeinem Theil der Staatsangehörigen aus welchem Grunde immer vor enthalten wird. Die Freiheit findet kein bleibendes Asyl dort, wo das gespensterhaft unheimliche Kettengerassel unablässig zu ihr dringt. Auch die Freiheit istin einem gewissen Punkte intole? rant; sie duldet keine Sklaverei neben sich! Wie Sie sehen, ist es nicht die eigentliche Lösung der Judenfrage, die für den Augenblick meinen Geist so lebhaft beschäftiget, als vielmehr der unerquickliche Umstand, daß in unfern

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