Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 153 (sequence 73)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2417805-2417813-2417815--671-2418512- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Zur Judenfrage in Ungarn. 153 chm alle und jede Bedeutung verloren! Können, dürfen mithin die Inden in ihren staatsbürgerlichen Rechten noch immer beschränkt werden, ohne gegen die hier ausgesprochene Idee arg, sehr arg zu verstoßen? . . . Seite 147 heißt es: „Die neuere Zeit hat auch in dieser Beziehung neue Bahnen eingeschlagen. Statt die besonder» Rechtssphären und die Privilegien einzelner Coufessionen sestznsetzen, wurde das Prineip der Glaubensfreiheit ausgestellt, wonach die confessionelle Verschiedenheit auf die Rechte der einzelnen Bürger ohne allen Einfluß ist. ES wurde anerkannt, daß über die Frage, welcher Confession jeder Einzelne angehöre, nur dessen eigenes Gewissen zu entscheiden habe." . . Entschieden deutlicher als aus den früheren leuchtet aus den letztangeführten Sätzen die unumstößliche Grundidee hervor, daß die Religion auf den Genuß der bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte keinen Einfluß übe; es ist mithin unbestreitbar, daß auch der „Mosaismus" auf die social-politische Stellung seiner Bekenner durchaus nicht nachtheilig influiren könne. Ich glaube durch diese Citate die Ansicht des Freiherrn von Eötvös, eines der hervorragendsten Staatsmänner und Denker Ungarns, betreffs der Judenfrage in genügender Weise gekennzeichnet zu haben. Ein Mann, der den Deutschen, Serben, Romanen, Slawen, Russinen zur Aussöhnung, zur Verbrüderung die Hand reicht — er wird selbe auch den Juden nicht entziehen, er wird auch gegen diese keine exclusive Richtung verfolgen. Zu allen möglichen Opfern bereit, um mit den verschiedenen Rationalitäten pactiren zu können: werden wol doch auch die Juden, die gar kein Opfer erheischen, fürderhin nicht mehr ausgeschlossen werden. Man verdächtigte immer die Ungarn, als strebten selbe eine Suprematie über die andern Nationalitäten an, infolge dessen selbst die bedeutenden Concessionen, zu denen selbe ihren Nachbarvölkern gegenüber sich herbeiließen, stets als Act der momentanen Nothwendigkeit blos erachtet wurden, die bei günstigerer Gelegenheit wieder zurückgezogen werden könnten. Diesem Mistrauen könnte am wirksamsten aus folgende Weise vorgebeugt werden. Wie überall, wohnen auch die Juden Ungarns nicht in compacten Massen beisammen, um einer äußern Kraft auch nur den mindesten Gegendruck bieten zu können. In welchem Lande sohin diesen unbedeutenden Fragmenten eines vor fast zwei Jahrtausenden seiner staatlichen Selbständigkeit verlustig gewordenen Volks die Freiheit gewährt wird, geschieht dies gewiß aus dem freien, reifen Willen der Nation und zeugt von deren wahrhaft liberaler Gesinnung, vermöge deren sie die Existenzberechtigung auch anderer anerkennt, ohne hierzu von den Verhältnissen gedrängt worden zu sein. Die spontane Judenemancipation in Ungarn würde mithin allen Nationalitäten die sicherste Garantie bieten, daß die Devise der Ungarn: „Freiheit und Gleichheit" denn doch mehr als eine leerePhrase sei! Tie Judenemancipation würde die Basis bilden, auf der die leidigen 'Nationalitätswirren eine sichere, dauernde und — weil von allseitigem Vertrauen getragen — befriedigende Lösung erhalten könnten. Ich glaube mit obigen Auseinandersetzungen Ihrem Wunsche in genügender Weise nachgekommen zu sein und könnte sohin meine Correspondenz für diesmal schließen. Allein die Angelegenheit der Juden ist ganz vorzüglich eine brennende Frage des Vaterlandes! — — — — Dritter Brief. Bihar, 20. Aug. 1.865. Sie werden vielleicht über meine Judenthümelei herzlich lachen und meine Expectoration als die Paradoxie eines altersschwachen Mannes erachten. Sie werden es nicht begreifen, wie ich angesichts der so mannichfach sich durchkreuzenden Landesfragen eben dieser Angelegenheit so viel Wichtigkeit vindiciren könne. Allein, geschätzter Freund, es ist die Gefahr, in der die liebe Heimat seit einer Reihe von Jahren schwebt — die eine gründliche Erwä-