Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 151 (sequence 71)
- Language
- German
- Belongs to
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Zur Judenfrage in Ungarn. glückliche Lösung unserer Nationalitäten-Differenzen in entschiedener Weise bedingt ist; neu ist endlich die Klarheit der Auffassung, die Durchsichtigkeit der Darstellungsweise, die überzeugende Kraft des Worts, die in dem freiherrlichen Autor den Staatsmann von Beruf erkennen lassen. Minder neu jedoch ist die Behauptung, wonach nächst den allgemeinen staatsrechtlichen Fragen, die zwischen der österreichischen Centralregierung und der ungarischen Krone obwalten, die Nationalitüten-Wirren es zuvörderst sind, die auf die gedeihliche Entwickelung unsers constitutionellen Lebens in paralvsirender Weise influiren; ebenso wenig neu ist ferner das Ariom, dem zufolge auch die Lösung der allgemeinen staatsrechtlichen Fragen in dein Fall nur von befriedigender, nachhaltiger Dauer sein könne, wenn sämnttliche auf dem Gebiet der ungarischen Krone wohnenden Nationalitäten in der Realisirung ihrer gerechten Bestrebungen nicht alsterirt würden; noch weniger neu ist die Behauptung, wonach die Berücksichtigung der eigenthümlichen ethnographischen und geographischen Verhältnisse unsers Königreichs im Interesse der ungarischen Krone sowol als in dem der resp. Nationalitäten nicht eine neue Territorialeintheilung, sondern die Garantirung einer vollständigen, unumschränkten individuellen Freiheit, insofern diese mit der Einheit des Landes nicht collidirt, als Basis des diesbezüglichen Ausgleichs dienen müsse; am wenigsten neu ist endlich die Erscheinung, daß, 'während allen Nachbarvölkern mit wahrhaft inniger Herzlichkeit die Bruderhand gereicht nnd mit den Deutschen, Serben, Rumänen, Slawen und Russinen eine friedliche Verständigung aufrichtig angestrebt wird, niemand daran Anstoß nimmt, die Sache des minder mächtigen wol, doch nicht minder beachtenswertsten jüdischen Volksstanimes noch immer gänzlich außer Acht zu lassen, als trüge die Befriedigung dieses Theils der Landesbewohner, der vermöge seiner commerziellen und industriellen Rührigkeit als bedeutender Factor des Ge- 15t sammtwohlstandes angesehen werden muß, zur Erstarkung und Kräftigung Ungarns nicht ebenfalls wesentlich bei! So viel als vorläufige Charakterisirung unsers Buches. Doch, wie Sie wol sehen, kümmere ich mich weniger um das, was Herr von Eötvös "geschrieben, als vielmehr um das, was derselbe mit Stillschweigen übergehen zu dürfen glaubte. Ich meine: die Judenfrage. In absoluten Staaten, wo das gekrönte Oberhaupt alles, die Individuen hingegen nichts sind, da wären freilich ähnliche Reflexionen ganz unnützer Lind überflüssiger Art. Bei uns jedoch, wo man vom frühen Morgen bis in die späte Nacht mit Liberalismus und Constitutionalismns den Mund vollnimint, da dürften denn doch auch die Individuen in der Staatswage einige Bedeutung haben. Sollte dies Princip aber wirklich zur praktischen Geltung gelangen, da dürfte nicht blos der deutschen, serbischen und slawischen, sondern ohne irgendwelche Ausnahme, also auch der.jüdischen Individualität Rechnung getragen werden. Dieses Punktes wegen werde ich in meinem nächsten Schreiben das EötvöS'sche Werk einer eingehendem Betrachtung unterziehen. . . Zweiter Brief. Bi har, 18. Aug. 1865. Ich bin nun an einem Punkte angelangt, auf den ich die ungetheilte Aufmerksamkeit meiner Mitbürger hinzulenken als heilige patriotische Pflicht erachte. Ist die Luft rein, so ist sie es für alle. Auch eine wahre Freiheit ist dann nur denkbar, wenn sie das unbestreitbare Gemeingut aller wird. Bon diesem Gesichtspunkte aus erscheint mir die Judensrage als eine für die Gesammtinteressen unserer Heimat überaus wichtige, deren Ignorierung früher oder später sich rächen würde. Aus diesem Grunde würden wir es gern gesehen haben, wenn Herr von Eötvös in seinem sonst reichhaltigen Werke ein Blatt, eine Seite, diesem wichtigen Thema gewidmet hätte. Bei der hohen Stellung, die der Autor einnimmt, ist es von Wichtigkeit, die