Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Journal
- Illustrirte Monatshefte für die gesammten Interessen des Judenthums
- Volume
- II. Band (1865-1866)
- Issue
- Heft 2 (November 1865)
- Date
- 1865-11-01
- Page
- Seite 146 (sequence 66)
- Language
- German
- Belongs to
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146 Jllustr. Monatsb. für die ges. ihn im Angesicht der ganzen Gesellschaft langsam." In einem Briefe aus Berlin (2. Febr. 1795) macht Rahel über Goethe's „Wilhelm Meister" einen Wortwitz, den Saphir auch nicht besser hätte machen können. Sie sagt: „... Ueber «Meister» auch nichts. Ich Hab' es lang' gelesen, anstatt göttlich, sage ich goethelich; närrisch, aber ausdrucksvoll." In ihrem nächsten Briefe (März 21—28) findet sich einige nicht eben gewöhnliche Ausbeute. Den 22. schreibt sie: „... Glauben Sie mir — ich fehle nicht gemein; es ist immer ein unumstößlicher Berg die Ursache, wenn man ihn auch nicht sieht; ich fehle nicht gemein. Ich habe solche Phantasie, als wenn ein außerirdisches Wesen, wie ich in diese Welt getrieben wurde, mir beim Eingang diese Worte mit einem Dolch ins Herz gestoßen hätte: »Ja, habe Empfindung, sieh die Welt, wie sie wenige sehen, sei groß und edel, ein ewiges Denken kann ich dir auch nicht nehmen, Eins hat man aber vergessen, sei eine Jüdin!» und nun ist mein ganzes Leben eine Verblutung" u. s. w. Ferner: „Ja, wenn ich außer der Welt leben könnte, ohne Sitten, ohne Verhältnisse, fleißig in einem Dorfe. Ja, würde der Lahme sagen, wenn ich nicht zu gehen nöthig hätte" u. s. w.; Der Leser sieht hier bereits den Pessimismus fast mit Schopenhauer's eigenen Worten ausgedrückt, denn auch Schopenhauer sagt, es wäre etwas anderes, in die Welt hineinzusehen, und etwas anderes, sich selbst mit drinnen zu sehen. Das Bild von dem Lahmen, welches Rahel bringt, klingt fast wie eine Widerlegung von Spinoza. Spinoza behauptet, der Lahme habe gar kein Recht, sich über seine Lahmheit zu beklagen; er ist eben so, und dies Sosein ist so nothwendig, als wie daß etwa die Katze keine Flügel hat. Spinoza geht allerdings von dem großen Gedanken der Naturnothwendigkeit aus, aber hier scheint uns die Empfindung des Weibes tiefer als der Gedanke des Philosophen. Wenn die Katze z. B. keine Flügel hat, so kann sie sich darüber allerdings nicht beklagen, und sie hat kein Recht, den Vogel zu be¬ Jnteressen des Judenthums. neiden; aber sie braucht auch keine Katze, kein Individuum ihrer eigenen Gattung zu beneiden, denn die andere Katze hat eben auch keine Flügel; der Mensch aber, der lahm ist, der — doch lassen wir die Rahel ihr Bild fortführen, sie macht ihre Sache sehr gut: „... ich habe aber nicht zu leben, und jeder Schritt, den ich machen will und nicht kann, erinnert mich nicht an die allgemeinen Uebel der Menschen, gegen die ich gehen will, sondern ich fühle mein besonder Unglück noch, und doppelt und zehnfach und eins erhöht mir immer das andere." In demselben Briefe zeigt sich uns auch die Stellung der Rahel zu Kant's kategorischem Imperativ; sie schreibt an Veit: „Wissen Sie was? Besuchen Sie mich auf meinem Lande, da wollen wir alles abmachen. Ohne daß es jemand weiß. Ich leugne es jedem, dem, der's «gesehen« hat." Ferner: „... Bei Dankbarkeit denkt man nichts; ich leugne sie auch immer: empfinden und verstehen bis aufs geringste Undchen, was einem einer thut, das wäre Dankbarkeit und ist so selten zu finden wie Apoll's Schönheit, und auch von der wird gesagt, sie eristirt nicht." Hier sieht der Leser wieder, wie nahe die Rahel jenem Philosophen gekommen, der den Satz aussprach: „Alles verstehen heißt alles verzeihen." — In demselben Briefe (2.1. März) schreibt sie ein Urtheil über Geschichte, welches um so merkwürdiger ist, als selbst heute, nachdem ein Buckle seine großartigen Anschauungen entwickelt, die meisten doch noch über das, was in dem Studium der Geschichte eigentlich wahr und falsch oder von Interesse und interesselos ist, sehr im Unklaren sind. Nahe! schreibt: „... Man kann so hinter die geringste Geschichte nicht kommen, wo man selbst mit agirt, außer durch Combiniren, denn niemand sagt (oder kann, auch wenn er wollte) die Wahrheit; wie soll ich denn glauben, daß ich die Geschichte der Großen, der Cabinete erfahren werde, außer wie sie sich durch alle Köpfe, Federn und Zungen der Erzähler formt, wodurch sie von ungefähr einer erfährt und, um sie zu behalten, aufschreiben will. Große Züge